Herr Prandtner, schildern Sie doch bitte kurz ihre wichtigsten zahntechnischen Stationen.
Otto Prandtner: Ich habe ziemlich schnell bemerkt, dass die Erkenntnis, direkt am Patienten arbeiten zu können, meine wichtigste Station war und ist. Diese Erkenntnis beschlich mich damals bei einem Patientenkurs in Österreich, der mir die Augen geöffnet und mich nachhaltig beeindruckt hat. Der Kurs wurde damals von Peter Biekert gehalten, und schon während des Kurses habe ich für mich entschieden, dass ich eine super Kursarbeit herstellen und mich bei Peter Biekert bewerben möchte. Und tatsächlich habe ich mich bei ihm beworben, und Erfolg gehabt. Das hat mich dann nach Stuttgart gebracht.

Die wichtigste Station war also nicht an einen Ort, sondern an eine Erkenntnis gebunden. Peter Biekert hat damals in dem Kurs so nachvollziehbar vermittelt, wie wichtig die Arbeit am Patienten ist und welche Informationen man aus der Arbeit am Patienten gewinnen kann. Das hat mir die Augen geöffnet und den Wunsch in mir erzeugt, auch so zu arbeiten. Und es stimmt, ich habe für mein tägliches Tun sehr viel durch meine Arbeit mit und am Patienten gelernt. Nicht am meisten, aber es war definitiv ein wichtiger Faktor.

Sie waren aber auch fünf Jahre in den USA tätig, genauer Kalifornien. Inwieweit hat Sie diese Erfahrung geprägt?
Prandtner: In Kalifornien habe ich mit sehr hochkarätigen Zahnärzten zusammengearbeitet, die schon immer weltweit Zahntechniker gesucht oder eingestellt haben, um den Wünschen ihrer sehr anspruchsvollen Patienten gerecht werden zu können. Ich bin also in eine komplett andere Welt, eine ganz andere Liga gekommen. Die Patienten dort hatten ganz andere Ansprüche, denn insgesamt kam ich dort mit einem völlig anderen Patiententypus in Kontakt. Das waren oft sehr gut aussehende, sehr reiche Patienten, die hoch motiviert waren, Kleinigkeiten an ihren Zähnen zu ändern.

Für derartige Wünsche hatte ich damals noch gar nicht das Auge. In Stuttgart haben wir super Sachen angefertigt, aber eben ganz andere. Das war eher eine von Problemen getriebene Zahntechnik. Es ging vielmehr um den Ersatz verloren gegangener Zähne. In Kalifornien galt es auf einmal, die Zähne der Leute auf deren ausdrücklichen Wunsch hin zu verschönern. Die Motivation der Patienten war also meist eine komplett andere.

Gründer der Praxis in Newport Beach, in der ich gearbeitet habe, war Dr. Carl Rieder. Er war einer der ersten Zahnärzte, die über das ­Thema Backward Planning publiziert haben. Er hat sich auch im Bereich der Funktionsdiagnostik hervorgetan (A.d.R.: Carl Rieder hat den Denar Artikulator mitentwickelt). Aus dieser Schule heraus, mit Kollegen wie Dr. Sheets und Dr. Paquette und in Zusammenarbeit mit super Kieferorthopäden und Implantologen, die alle auf allerhöchstem Niveau gearbeitet haben und auch noch arbeiten, sah ich mich daher mit ganz anderen Anforderungen konfrontiert. Es ging also um weit mehr, als Lücken technisch hervorragend zu füllen. Es ging darum, den Patienten wirklich glücklich zu machen.

Plötzlich sah ich mich vor der Aufgabe, nicht allein das zu machen, wonach der Patient fragt, sondern das zu schaffen, was er vielleicht noch gar nicht selbst in Worte fassen konnte. Ich musste lernen zu erkennen, was die Patienten wirklich wollten. Meine Arbeit in Newport Beach mit Dr. Sheets und Dr. Paquette hat mir Türen geöffnet, von denen ich bis dato gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Wie schafft man zu erkennen, was die Patienten wirklich wollen?
Prandtner: Ich musste meine Empathie schulen und lernen, die Patienten zu verstehen. Die Empathie gibt mir letztlich sehr viel kreativen Freiraum. Daher achte ich heute viel mehr denn je darauf, dass bei der Patientenanalyse Freude entsteht. Die gemeinsame Arbeit muss Spaß bereiten. Wenn man eine solche Atmosphäre geschaffen hat, dann kreiert man sich einen kreativen Freiraum. Und genau darum geht es.

In Deutschland begegne ich mittlerweile oft der Meinung, die Patienten wünschten sich alle gerade, schöne Zähne. Das perfekte Lächeln eben.
Den Patienten in den USA sagt man eh nach, dass sie nach dem perfekten Lächeln streben. Doch in den fünf Jahren, die ich in den USA tätig war, hatte ich nur zwei Patienten, die sich das perfekte Lächeln, den perfekten runden Bogen gewünscht haben – das Holly­wood-Lächeln also. Alle anderen wollten etwas Besonderes für sich selbst. Und diejenigen, die den perfekten runden Bogen wünschten, sahen und sehen ihre Zähne auch eher als eine Art Accessoire. Es ist davon auszugehen, dass sie ihre Zähne alle paar Jahre geändert haben möchten. Der Großteil der Patienten wünscht sich jedoch Individualität. Und wie diese persönliche dentale Identität aussieht, das gilt es herauszufinden.

Sie betreiben heute zusammen mit Hubert Schenk und Stefan Frei die „plattform für feinste dentaltechnologie“. Wie kann man sich dieses Laborkonzept vorstellen?
Prandtner: Klar ist, dass der kollegiale Austausch zu kurz kommt, wenn man allein arbeitet. Allerdings müssen wir uns ständig verbessern. Und für Verbesserung oder die Weiterentwicklung brauchen wir den Austausch mit Kollegen. Das geht aus der Sicht von Hubert Schenk, Stefan Frei und mir am besten, wenn man sich zusammenschließt. Gute Leute, die ähnlich ticken und doch komplett verschieden sind – denn das sind wir. So kam es, dass wir die „plattform für feinste dentaltechnologie“ gegründet haben. Und obwohl wir fast alle das gleiche Portfolio anbieten, nehmen wir uns die Kunden nicht gegenseitig weg, da wir letztlich doch alle so verschieden sind. Dieser Umstand bietet sehr tolle Möglichkeiten. Die Plattform dient uns also dazu, unser Bestes zu verbessern.

Stichwort Zahntechnik, denn darum geht es ja schließlich. Haben Sie Angst vor der Zukunft der Zahntechnik?
Prandtner: Ich habe unsere Zukunft, unser Handwerk nie mit Angst in Verbindung gebracht. Für mich ist es von Jahr zu Jahr immer besser geworden. Es gibt natürlich für viele einige Störfelder da draußen, aber was mich betrifft, so habe ich keine Angst.

Gibt es denn im CAD/CAM-Zeitalter überhaupt noch analoge Produkte, die einer näheren Betrachtung würdig sind?
Prandtner: Also die CAD/CAM-Materialien helfen mir natürlich schon sehr. Die Qualität der daraus hergestellten Versorgungen ist sehr hoch. Doch ich habe noch nie ein CAD/CAM-gefertigtes Teil bekommen – ob von mir selbst gefertigt, bei der Industrie oder meinem Anbieter bestellt –, bei dem ich nicht noch selbst wieder Hand anlegen und dieses derart gefertigte Teil verfeinern musste. Und für diese Verfeinerung habe ich bisher immer analoge Produkte benutzt.

Die aus meiner Sicht größte Errungenschaft der dentalen Neuzeit ist die Klebetechnik. Diese hat es uns erlaubt, minimalinvasiv zu restaurieren.
Der Patient will ein verlässliches und ästhetisches Endprodukt bekommen. Wie ich zu diesem gekommen bin, ob da CAD/CAM dahinter steckt, oder wie ich es verfeinert habe, darüber wird im Detail kaum gesprochen.

Seit geraumer Zeit machen Sie mit der rezotto production GmbH auf sich aufmerksam. Was hat es damit auf sich?
Prandtner: Bei rezotto production handelt es sich um eine kostenlose, dentale Fortbildungsplattform. Angefangen hat es mit Veröffentlichungen von Dr. Reza Saeidi Pour und mir. Doch diese Fachartikel allein waren uns zu statisch; wir wollten in die Darstellung einfach mehr Emotionen hineinbekommen. Damit die, die sich dafür interessieren und sich das anschauen wollen, mehr geboten bekommen und vor allem Interesse dafür entwickeln.

Natürlich steht bei uns der Patient im Mittelpunkt, doch oftmals fragt sich gerade der Patient oder der, der sich unsere Fälle oder Vorträge anschaut, wie wir zu diesem Ergebnis gekommen sind. Dr. Saeidi Pour und ich waren der Meinung, dass man das mit einer Publikation allein nicht transportieren kann. Wir haben zum Beispiel Tutorials, wie wir den Patienten analysieren, dazu gibt es auch Publikationen, Videos … etwa eines, das im Detail auf die Präparation eingeht. Wir können die für die Lösung eines Falls wichtigen Aspekte auf der Fortbildungsplattform viel detaillierter darstellen. Dadurch wird es aber auch für jeden zugänglicher.

Wenn wir jetzt zum Beispiel einen Patientenfall wie den von „Kathrin“ nehmen, dann können wir ihre gesamte Geschichte erzählen. Wir haben ein Video, wie wir ihr Mock-up gestalten und entwickeln, wir haben Tutorials zu ihrer Gesichtsanalyse, zu ihrer Körpersprache, gehen darauf ein, an welcher Stelle des Wax-ups Fehler sogar gewünscht sind, welche Dinge bei der Veneerpräparation beachtet werden müssen, was es bei der Seitenzahnpräparation zu beachten gilt … also wirklich alles, bis hin zur Befestigung. Für all das bieten wir auf rezotto production Videostorys.

Das klingt sehr aufwendig. Welche Motivation steckt dahinter?
Prandtner: Wenn wir einen Fall lösen, sagen wir mal für „Mauro“, dann widmen wir uns diesem einen Fall. Mauro ist ein super sympathischer Mensch, wir beschäftigen uns intensiv mit ihm, seiner Person, sammeln Daten und Informationen, generieren Gigabytes an Material und zeigen es letztlich keinem anderen mehr.

Da können wir von der Industrie lernen, denn wenn die ein Produkt vertreiben wollen, dann machen sie so viele Menschen wie möglich darauf aufmerksam. Weil so viele Leute wie möglich dieses Produkt benutzen sollen. Wir fertigen in unserem Arbeitsalltag ganz individuelle Medizinprodukte, Produkte, die immer nur für einen ganz bestimmten Menschen bestimmt sind und auch nur zu ihm passen.

Daher war es unser Ansinnen, dass unsere Arbeit, die ja in der Lösung des Falls für Mauro steckt, nicht in unserer Schublade verstaubt, sondern einer möglichst großen Zahl an Menschen zugänglich gemacht wird. Eine klassische Veröffentlichung in einem Magazin ist dabei immer limitiert, da sie zum Beispiel nur von diesen oder jenen Fachleuten gelesen wird. Daher haben wir uns überlegt, wie man dies anders skalieren kann. Und so ist die Idee zu rezotto production entstanden.

Sehen Sie hier die Geschichte von Mauro.

Ich denke schon, dass wir damit auch etwas Gutes tun, denn wir haben ja sehr hochkarätige Leute, mit denen wir zusammenarbeiten – beispielsweise Prof. Dr. Daniel Edelhoff, Dr. Otto Zuhr und Prof. Dr. Markus Hürzeler und viele mehr. Das Wissen, das wir mit diesen kompetenten Leuten generieren und über rezotto production mit den Leuten da draußen teilen, ist sehr wertvoll. Und wir teilen es umsonst.

Wenn zum Beispiel Prof. Edelhoff auf einem Kongress in Mexico vor Tausenden von Leuten so ein Video zeigt und über die Gestaltung seiner Präparationen spricht, und die Teilnehmer können dann später auf einer Webseite all das vertiefen, was ihnen Prof. Edelhoff vermittelt hat, dann ist das natürlich eine sehr wertige Form der Wissensvermittlung. Nach der Zeit, die wir für die Pflege und das Befüllen dieser Plattform aufwenden, darf man allerdings nicht fragen. Das ist eine Herzensangelegenheit.

Und wofür steht der Name rezotto?
Prandtner: Das ist ganz einfach. Er setzt sich aus den beiden Vornamen von Dr. Reza Saeidi Pour und mir, also Otto Prandtner, zusammen. Reza und Otto, also rezotto. Wir sind die beiden Köpfe hinter rezotto production.

Wenn Sie an Ihren Beruf, die Branche und bestimmte Trends denken, was bewegt Sie?
Prandtner: Wenn ich über meinen Beruf nachdenke, dann komm ich zu dem Schluss, dass wir eine wirklich tolle und umfassende Dienstleistung anbieten. Und das, was mich dazu motiviert, das sind die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Diese Menschen sorgen dafür, dass mein Beruf, dass unser Beruf so spannend ist und bleibt.

Das versuchen wir übrigens auch auf der rezotto production Plattform zu transportieren. Nicht der Zahnersatz oder die Art und Weise, wie wir zu diesem kommen, steht im Vordergrund, sondern der Mensch, den es zu versorgen gilt. Wir müssen uns einfach immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass der Patient absolut im Mittelpunkt unseres Tuns steht. Was in diesem Kontext sehr wichtig für uns Zahntechniker ist, das ist ein Kompetenzstatus. Erst wenn wir diesen aufgebaut haben, hören uns die Zahnärzte, aber auch die Patienten richtig zu.

Das müssen wir verinnerlichen und in diese Richtung werden wir uns auch immer stärker entwickeln müssen. Wir müssen einen höheren Kompetenzstatus gegenüber dem Behandler und Patienten haben. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn sich unser Berufsbild nach außen ändert. Man möchte es ja nicht mehr glauben, aber noch immer erlebe ich oft, dass die Patienten gar nicht wussten, wer ihren Zahnersatz herstellt. Wir müssen uns also unserer Chancen bewusst sein, denn Individualität, Kreativität, Empathie und guter Geschmack sitzen halt nicht in einer Maschine.

Dazu müssen wir aber ein Gefühl für den Patienten bekommen. Wir müssen uns intensiv mit diesen Menschen beschäftigen, um am Ende ein Bild im Kopf davon zu haben, was dieser Mensch braucht, um glücklich zu sein. All diese dentalen Feinheiten, die es herauszuspüren gilt. Allein darum geht es letztlich. Solange die Menschen ihre individuellen Wünsche haben, habe ich bezüglich der Zukunft der Zahntechnik keine Bedenken.