Wir sollten nicht vergessen, dass hinter jedem technologischen Fortschritt der Mensch steht. Die zahntechnische Zukunft gehört dem technologischen Fortschritt und ist für viele schon Alltag/Routine geworden. Somit ist CAD/CAM – DAS Sinnbild des technologischen Fortschritts in der Dentalwelt – ein wichtiger Bestandteil der heutigen zahntechnischen Arbeitsabläufe. Denn da wir auf Personen bezogene, individuelle Unikate herstellen, ist der technologische Fortschritt eine enorme Hilfe in unserem Herstellungsprozess. Um dem Endprodukt Leben einzuhauchen, ist der Mensch nicht unentbehrlich, denn Zähne sind so einmalig wie ein Fingerabdruck, wie der Charakter eines Menschen. Schon aus diesem Grund erübrigt sich die Frage: Mensch oder Maschine? Diese Frage ergibt schlicht keinen Sinn. Daher müsste die Antwort eigentlich lauten: eine Symbiose von beidem.

Um dem „Rohling Zahn“, der aus der Maschine kommt, „Leben einzuhauchen“, ist für den letzten Schliff das bei uns so genannte „Surface enobleng“ (Veredeln der Oberfläche) und somit das Können eines Menschen erforderlich und unentbehrlich. Ein Mensch gibt somit dem Zahn sein Gesicht, ein individuelles Gesicht, denn es soll ja kein „Zahnersatz“ sein. Maschinen sind in unserer Branche letztlich auch nur Werkzeuge, die uns den Arbeitsalltag erleichtern – der Mensch beherrscht die Technologie. Aufgrund dieser technologischen Hilfe ­haben wir mehr Zeit für zum Beispiel soziale Interaktionen, Kreativität oder Selbstentwicklung. Das sind Bedürfnisse, die am oberen Ende der Maslow-Bedürfnispyramide (die Maslowsche ­Bedürfnishierarchie beschreibt auf einfache Weise menschliche Bedürfnisse und Motivationen) angesiedelt sind.

Fiat lux – der Intraoralscanner

Der Intraoralscanner ist sozusagen der neueste Feind der Zahntechnikerbranche. Von vielen gefühlt als „Auftragskiller“ der Zukunft gesehen, als Drohkulisse der Dentalindustrie, scheinen viele noch „Datenangst vor Datenaufträgen“ zu haben. Viele wollen noch abwarten, frei nach dem Motto: „Wir müssen ja nicht immer gleich dabei sein … Wir lassen mal die anderen machen“. Das große Problem beim Nichtstun/Abwarten ist, dass man nie weiß, wann man damit fertig ist. So dümpelt man im eigenen Fahrwasser dahin, während andere schon neue Ufer erreicht haben. Intraoralscanner sind nur technische Hilfsmittel/Werkzeuge, die die lästigen Abformungen bald komplett ablösen werden, und das auch ohne die Zustimmung der „Abwarter“

Noch nie war der Einstieg in diese Technik so attraktiv wie heute. Und heute ist der Durchbruch – und nicht irgendwann im „Nirvana der Abwarterei“. Es ist ein Riesenvorteil für das Labor, wenn der physische Versand einer Abformung entfällt. Innerhalb von Sekunden, also blitzschnell, sind die Auftragsdaten im Labor und können sofort weiterverarbeitet werden. So bekommen wir Auftragsdaten fast in Echtzeit vom anderen Ende des Globus. Umgekehrt können wir den erledigten Auftrag innerhalb von zwei bis drei Tagen per Päckchen wieder zurück an den Auftraggeber am anderen Ende des Globus senden. Das ist Fortschritt und Globalisierung.

Ein neues, oft nicht richtig durchschau­bares Phänomen ist, dass Labore sich selbst von ihrem kargen Gewinn Intraoralscanner ­anschaffen. Nein, nicht um ihre Mitarbeiter einzuscannen, sondern sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, aufopfernd und missionarisch durch die nah und fern gelegenen Praxen als Scannomaden zu ziehen, um selbst das Licht der dentalen Erleuchtung in die Patientenmünder zu bringen. Der Dank für ihre Mission sind kleine Kronen. Und so kehren sie nach Missionsende mit den Missionsdaten im Koffer, ewig im Stadtstau stehend oder oft stundenlang auf Teerstraßen unterwegs, zu ihrem Mutterschiff zurück – endlich wieder daheim, im Labor. Da beide, Missionare und zu Missionierende, aufgrund der Datenschutz-Grundverordnung Geheimnisträger sind, wird die Abrechnung dieser Mission oft auch ein ewig spekulatives Geheimnis bleiben.

Scandaten … und was nun?

Sind alle Scandaten in Form von Bits und Bytes im Laborrechner, muss man aus diesen Daten „Zähne wachsen lassen“. Dazu steht uns in unserer technologisch fortgeschrittenen Welt ein weiteres geniales Hilfsmittel zur Verfügung: der 3-D-Drucker, von Nichtkennern wieder als „Teufelszeug“, Auftrags- und Arbeitsplatzkiller verurteilt, bei uns aber, als tägliche Praxisanwender, als geniales Hilfswerkzeug erkannt und eingesetzt. Die Grundzüge des 3-D-Druckers existieren ja bereits seit mehr als 30 Jahren. Der Durchbruch kam erst nach dem Auslaufen einiger Patente. Somit ist diese Technik nicht mehr zu stoppen. Aber wie so oft üblich in unserer Branche, waren bei den Dentalzulieferern und -herstellern (in der zahntechnischen Umgangssprache salopp „Industrie“ genannt; ebenso ein Phantomfeind von einigen Zahntechnikern) die Hochglanzprospekte und Preise wiederum um einiges eher fertig als das Produkt, die Technologie.
Als wir uns vor einigen Jahren den ersten 3-D-Drucker anschafften, wussten wir überhaupt noch nicht so recht, was wir damit anfangen können. Doch wir haben uns trotzdem intensiv mit dieser neuen Technologie auseinandergesetzt.

Inzwischen setzen wir die 3-D-Drucktechnik für digitale Wax-ups bei „Full-Mouth-­Restaurationen“ oder ästhetische Wax-ups ein. Das kostet nur einen Bruchteil der Energie (geistige und zeitliche), die uns ein mit Wachs hergestelltes Wax-up kosten würde. Dies hängt wiederum stark vom Talent und der Tagesverfassung des Technikers ab. Nicht, dass wir kein Talent haben. Ich finde nur, wir sollten unsere Talente für das aufwenden, was uns wirklich etwas (ein)bringt.
Des Weiteren fertigen wir seit über zwei Jahren individuelle Löffel, Aufstellbasen, Kontrollschlüssel und vieles mehr mit einem Filamentdrucker (Fadendrucker). Diese Technologie und ihr Einsatzgebiet haben wir vor drei Jahren aus einer externen Fortbildung aus Manila „mitgenommen“ (Stichwort: Globalisierung).
Allerdings ist es unser Ziel, die Scandaten direkt, ohne Modell, in eine monolithische Rekonstruktion umzuwandeln. Bei Aufbissschienen, Provisorien oder festsitzendem Zahnersatz ist das bei uns schon heute fast Alltag. Unsere neue Zukunft heißt „model-less“, also „modell-los“ – frei nach dem Motto: scan it, plan it, mill it, enoble it, send it.

Lesen Sie auch die Teile 1 und 2:

Teil 1: Zahntechnik im Wandel: Kommentar über die Veränderungen des Berufsbilds

Teil 2: Kommentar über die Zahntechnik im Wandel: Auch mal Misserfolge zeigen

Epilog

Hach, war das grad wieder ein Gong! Welch‘ schöner Dreiklang, der mich zu einem neuen „Aufguss“ im Wellnesspark ruft. Ich muss also für heute wieder Schluss machen. Doch grämt euch nicht, denn die letzte Folge meiner „Freitagsfortbildung“ steht schon in den Startlöchern. In der nächsten Ausgabe der dental dialogue widme ich mich einem ganz heiß diskutierten Thema: den monolithischen Zirkonoxidrestaurationen.
Liebe Kollegen/-innen, seien Sie keine „Abwarter“! Es wäre doch schlimm und langweilig, wenn wir unsere Herausforderungen verschlafen würden. Kollegiale Grüße aus Augsburg.
Ihr
Norbert Wichnalek

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Abbildung 1 bis 17