„Langeweile ist die Windstille der Seele.“ (Friedrich Nietzsche)

In den letzten Monaten und Wochen hat uns die schöpferische Natur aus unserem unentwegt pausenlosen und rastlosen Hetzen, unserer für uns unendlichen „Tun-müssen-Spirale“, zu einem innerlichen Einklang eingeladen. Ich hoffe, dass auch viele diesem Ruf zum Einklang gefolgt sind und für Ihr „Innenleben“ genutzt haben. Uns wurde klar, dass sich planbare Sicherheit, auf die wir so stolz sind, schlagartig zur unberechenbaren Illusion wandeln kann. In den letzten Tagen habe ich ein sehr interessantes Buch von dem bekannten Neurobiologen Gerald Hüther mit dem Titel „Was wir sind und was wir sein könnten“ gelesen. Hieraus ein passendes Zitat: „Aber was wäre das für ein Leben, wenn alles schon so wäre, wie wir es uns wünschen? Dann gäbe es morgen keine Überraschungen und Übermorgen keine Enttäuschungen mehr. Dann bräuchten wir selbst nichts zu tun und es gäbe für uns nichts mehr, um das wir uns noch kümmern könnten. Dann hätten wir das andere große Wunder (das erste große Wunder ist die Entdeckungsfreude) verloren, dass wir alle mit auf die Welt gebracht haben: unsere Gestaltungslust.“

Wenn man diese oberen Zeilen nun nicht gehetzt liest, dann verspürt man innere Zufriedenheit und Gestaltungslust – man möchte etwas Neues wachsen lassen. Denn wir selbst sind die Gestalter, nicht irgendeine Gilde, irgendein Verband oder gar die Politik.

Wir haben in dieser liebevollen Zeit der inneren Einkehr (manche sprechen von Krise oder sogar von Katastrophe – doch Vorsicht, denn unsere innere Einstellung entscheidet über Himmel oder Hölle) neue Werte für unser Labor definiert und neue Visionen wachsen lassen. Eine dieser fachlichen Visionen ist das „model-less“, das modelllose Arbeiten, das ja schon viele mit Erfolg praktizieren. In dieser „stillen Zeit“ hatten wir also den Kopf frei und lenkten diese frei gewordene Kreativität und Energie in eine modelllose Richtung. Digitale Aufträge haben eine viel besser Klimabilanz/CO2-Bilanz, da ein Versandweg komplett entfällt (siehe Abb. 1 bis 4 sowie Abb. 8 bis 23). Zudem werden die Ausgangsdesinfektion eines Abformlöffels in der Zahnarztpraxis und dessen Eingangsdesinfektion im Dentallabor obsolet. Was allerdings sehr gut funktionieren muss, das ist der Virenscanner.

Mit dem Intraoralscanner digital erfasste Aufträge sind fast in Echtzeit im Labor − mitsamt digitalem Auftragszettel. Modelllos heißt, kein Gips- und auch kein Kunststoffmodell mehr. Einzig bei großen Arbeiten und Restaurationen kann man zwecks besserer Übersicht (nicht der Präzession wegen) ein 3-D-gedrucktes Kunststoffmodell herstellen. Ebenso entfällt das Einscannen eines physischen Modells im Labor komplett. Es kann daher sofort im virtuellen Artikulator weitergearbeitet, und digitale Kiefergelenksvermessungen und 3-D-Gesichtsscans, wenn verfügbar, können ohne weiteres mit in den digitalen Workflow integriert werden. Und das alles auf dem großen, hochauflösenden Bildschirm und − im Gegensatz zum physischen Artikulator − von allen erdenklichen Richtungen einsehbar (siehe Abb. 9 bis 11).

So ändern sich halt die Zeiten … und wenn man diese Änderung dann auch zulässt, dann zum Positiven.
Doch allein der Besitz von Maschinen und Software reicht nicht aus, wenn man diesen Weg gehen möchte. Der Richtige und reproduzierbare Umgang mit beidem ist der erste Schlüssel zum Erfolg, die konsequente geistige Umsetzung und Eigendisziplin bilden den zweiten Schlüssel. Denn eine Maschine kann sich ja wohl jeder kaufen, doch was folgt dann?

Ich habe oft bemerkt, dass viele Handwerker noch nicht bereit und begeistert sind, in „nicht Materielles und nicht Greifbares“ zu investieren, also in Software, künstliche Intelligenz, Hotlines, Updates, Schulungen, Trainingseinheiten, und so weiter. Das heißt, die Bereitschaft ist immer noch höher, in Materielles zu investieren, das in Schubladen, in Ecken oder Schränken und dann auch oft im Keller landet. Auch die Einstellung zu den Kosten, die für Hotline/Support und Software-Updates anfällt, ist bei vielen sehr negativ geprägt – oft von dem Vorurteil, dass „die mir das Geld für eine Gegenleistung, die nicht greifbar ist, aus der Tasche ziehen wollen …“.

Wir sind froh und glücklich über jedes neue Update, das wir bezahlen, denn im Hintergrund arbeiten Spezialisten, die uns von Mal zu Mal das Arbeiten und somit unsere Endergebnisse verbessen. Meiner Meinung nach die beste Investition um am Puls der Technik/Digitalisierung zu bleiben. So ändert sich halt das Zahntechnikerhandwerk. Es gibt sogar Kollegen, die mit einer über fünf Jahre alten Software arbeiten, um damit Gerüste herzustellen, anstatt Zähne. Die Gerüstherstellung ist die erste und primitivste Form, die in die Digitalisierung der Zahntechnik Einzug gehalten hat. Wir haben hingegen zum Beispiel in unserer Datenbank eine Zahnbibliothek mit über 300 natürlichen Zahntypen und -formen, die auch funktionell umgesetzt werden können. New School funktioniert eben anders . Konsequentes Arbeiten und Eigendisziplin führen zu guten Ergebnissen. Der Tatbestand des „Ausarbeitens“ ist hier komplett fehl am Platz. Vor der Digitalisierung in der Zahntechnik war das oft ein selbstverständlicher Arbeitsgang: „das Ausarbeiten“. Man hat oft stundenlang etwas modelliert, um das Gleiche wiederum stundenlang auszuarbeiten. Schlussfolgernd hat man beim ersten Arbeitsschritt, irgendetwas nicht konsequent genug gemacht. Ein Paradoxon – impliziert es doch, dass man beim Modellieren des Werkstücks gedacht haben muss, dass man dieses oder jenes dann später ausarbeitet. Konsequenz im Handeln wirkt hartherzig und nicht schön, ausarbeiten dagegen scheint leicht und bequem.

„Was du tust, tu es klug und bedenke das Ende!“ (Herodot)

Man führe sich folgende Situation vor Augen: Bei uns hier in Augsburg, gibt es die MAN, die unter anderem auch Schiffsmotoren bauen … ein Mitarbeiter fräst gerade ein Zahnrad für solch einen Schiffsmotor. Weil er vor der Pause oder vor dem Feierabend nicht ganz fertig wird, kommt eventuell ein Zahntechniker zu ihm und sagt ihm, er könne das noch nicht fertig gefräste Teil doch so aus der Maschine herausnehmen und den Rest morgen in aller Ruhe ausarbeiten. So etwas wäre bei der MAN unmöglich realisierbar, doch in der Zahntechnik ist es oft Realität. Ein Zahn ist im übertragenen Sinne im komplexen mastikatorischen System auch ein „Zahnrad“, das funktionieren muss/soll. Daher kann man auch einen Zahn digital, modelllos und reproduzierbar herstellen. Den „Rest“ bezeichnen wir bei uns im Labor als „surface enobling“, das heißt die partielle, individuelle Oberflächenveredelung. Und wenn wir dann doch mal etwas mit dem Pinsel aufarbeiten müssen, dann nur in einem vorher in der CAD-Software definierten, begrenzten Rahmen, der nicht funktionell relevant ist. Wir nennen diese Rahmen „individuelle Ästhetikfenster“ (vgl. Abb. 1 bis 4). Selbst Mamelons – wenn denn nötig – sind in diesen Fenstern bereits digital in der Bibliothek angelegt (siehe Abb. 5 und 6).

Die Material-/Blank-Hersteller bieten uns was die Festigkeit und Zahnfarben betrifft immer naturidentischere Materialien an. Bei großen Restaurationen fertigen wir vor der eigentlichen Restauration aus Zirkonoxid Dummies aus Kunststoff an – Dank CAD/CAM exakte Kopien. Diese werden von den Behandlern beim Patienten einprobiert, und im besten Artikulator der Welt, dem Patientenmund, überprüft und eventuell patientenspezifisch feinjustiert. Erst danach werden diese patientenspezifischen Dummies in die definitive Restauration umgesetzt.

In den Abbildungen 1 bis 23 sind exemplarisch Szenen unseres Tuns dargestellt. Mir ist bewusst, dass ich mit meinen Ansätzen mitunter etwas anecke, doch manchmal muss es eben „weh“ tun, wenn man etwas verändern will. Alle Arbeiten, die hier dargestellt sind, haben meine beiden Mitarbeiter Arbnor ­Saraci (Abb. 24) und Lukas Wichnalek (Abb. 25) geplant und angefertigt. Sie haben den von mir beschriebenen Weg absolut verinnerlicht, mitentwickelt und setzen ihn Tag für Tag begeistert um. Das freut mich umso mehr, da jungen Zahntechnikern wie diesen beiden die Zukunft gehört. Umso schöner, dass sie es aus meiner Sicht geschafft haben, auch unseren schönen Beruf in die Zukunft zu führen. Und wer weiß, wo sie die dentale digitale Reise noch hinführen wird? Doch CAD/CAM ist heute und bietet uns täglich Grund zur Freude.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bleiben Sie innovativ! Es wäre doch schlimm und langweilig, wenn wir alle das Gleiche tun würden. Macht also euer Ding! Kollegiale Grüße sendet aus Augsburg,
Euer Norbert Wichnalek

Abbildung 01 bis 25