Es ist Freitag. Nach einer wohltuenden Massage und einigen Saunagängen schreibe ich ganz frei und entspannt im Ruheraum eines Wellnessparks meine Gedanken zum Thema Ethik und Social Media nieder. Das ist der Ort, an dem in mir neue Ideen reifen und Projekte Gestalt annehmen. Ich nenne das
meine „Freitagsfortbildung“.

Das Reptiliengehirn

Regelmäßig stolpert man in den dentalen Sozialen Netzwerken über beleidigende, verletzende, primitive, vulgäre und polemische Aussagen und Kommentare ohne jedweden Sinn oder Realitätsbezug. Da keimt in mir immer die Frage auf: Wie kann es in einer offenen, globalisierten Gesellschaft passieren, dass gewöhnliche Menschen wie „Du und Ich“ so reagieren und nicht vernünftig, also von „Verstand zu Verstand“ kommunizieren können. Des Rätsels Lösung: Es liegt an unserem Reptiliengehirn.

Der Hype um Social-Media-Plattformen ist ein Phänomen, das auch die Dentalbranche längst erreicht hat. In öffentlichen oder auch geschlossenen Gruppen tauscht man sich aus oder kommuniziert, indem man etwas postet, beispielsweise Bilder von Arbeiten. Fragestellungen zu einem Thema oder Problem et cetera werden oftmals auf sehr primitive Art und Weise geäußert. Häufig spiegeln sich darin der eigene Frust oder die eigene doch sehr begrenzte Weltanschauung wider.

Der Postende möchte diese Ansichten mit einer Gruppe teilen und erwartet im Gegenzug bedingungslose Zustimmung. Erfolgt diese nicht wie gewünscht, dann wird bei vielen Menschen das Reptiliengehirn aktiviert. Das Reptiliengehirn wird auch als Hirnstamm bezeichnet und ist der älteste und tiefstliegende Teil des menschlichen Gehirns. Das Reptiliengehirn hat sich vor mehr als 200 Millionen Jahren aus den primitiven Lebensformen entwickelt. Es ist für die Art- und Selbsterhaltung zuständig und hat die Aufgabe, das eigene und das Überleben der Spezies zu sichern.

Das Reptiliengehirn kennt nur drei Notfallprogramme: Kampf, Flucht und Erstarrung. Eine Art „Lebensversicherung“ der Urzeit in Gefahrensituationen. Zeichen einer starken Dominanz des Reptiliengehirns sind unter anderem ausgeprägtes Territorialverhalten, Eigennutz, Futterneid, Wettbewerbsdenken,
Argwohn, kurzsichtiges Denken, Intoleranz, Selbstsucht und Anmaßung.

Falsche (negative) Gedanken erzeugen falsche (negative) Gefühle und diese aktivieren, weil eine potenzielle Gefahr bestehen könnte, unser Reptiliengehirn. Das Reptiliengehirn ist dazu prädestiniert, schnell zu reagieren, aber nicht, um komplexe Lösungen zu finden. Ist es aktiviert, hat der Verstand Pause und reflektiertes Denken funktioniert nicht mehr. Nur so lassen sich aus meiner Sicht manche nicht nachvollziehbaren Reaktionen von „normalen Durchschnittsdenkern“ in den dentalen Sozialen Medien erklären.

Dentale Don Quijotes

Häufig drängen sich gar Parallelen zu der Romanfigur Don Quijote (Don Quijote, Miguel de Cervantes, 1605) auf. In diesem Roman schwingt sich der Kleinadlige Alonso Quijano zum stolzen Ritter auf und versucht Abenteuer zu bestehen, die nicht existieren. So kämpft der „Ritter von der traurigen
Gestalt“ gegen Windmühlen, die ihm in seiner Fantasie wie Riesen erschienen. Es hat den Anschein, dass manch Dentaler es ihm gleichtut: Die einzelnen Windmühlenblätter repräsentieren dabei „Fantasiefeinde“ wie Praxislabore, Zahnersatz aus dem Ausland, Dentalunternehmen, die mit Zahntechnikerprodukten die Zahnarztpraxen beliefern, Globalisierung und so weiter.

Epilog

„Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.“ Dieser Ausspruch des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain (1835-1910) könnte auch der Leitspruch so mancher dentaler Social-Media-Gruppe sein. Deshalb mein Appell an
Euch: Liebe Kollegen, lasst Euch von der Meinung anderer nicht beirren, bleibt innovativ! Es wäre doch schlimm und langweilig, wenn wir alle das Gleiche machen würden. In diesem Sinne: Macht Euer Ding!

Kollegiale Grüße aus Augsburg,
Euer Norbert Wichnalek

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Teil 1: Kommentar über die Veränderungen des Berufsbilds
Teil 2: Auch mal Misserfolge zeigen
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