Allerorten heißt es lapidar, die Zahntechnik sei im Wandel. Diese Aussage erschien ihm so abgedroschen, dass sie ihn nicht mehr losließ, und sorgte dafür, dass Norbert Wichnalek diese Artikelreihe verfasst hat. Daraus ist seine Trilogie in vier Akten entstanden; ein Dreiteiler, der auf vier Ausgaben der dental dialogue aufgeteilt wurde. Warum? Weil Norbert Wichnalek zufolge „die Branche doch eh oft maßlos übertreibt.“ Im vorliegenden vierten und letzten Teil nimmt er sich der Mythen um „Vollzirkonoxid“ sowie Hightech- oder High-End-Polymere und gewisse Hybridkonstruktionen an.

Mythos Vollzirkonoxid – viel zu hart!

Das dentale Restaurationsmaterial, zumindest das unserer Wahl, ist Zirkonoxid, und zwar aus dem Vollen. Aus „Vollzirkonoxid“, oder „Full-Contour-Zirconia“ fertigen wir monolithische Restaurationen – häufig sogar „modell-los“ und nur mittels „Sur­face enobling“ (Veredeln der Oberflächen – vgl. „Zahntechnik im Wandel“, Teil 3). Unsere erste Vollzirkonoxidkrone fertigten wir bereits 2005, also vor 15 Jahren. Da haben wir einfach eine Goldvollgusskrone mit dem Zirkograph von Zirkonzahn im Kopierverfahren auf Zirkonoxid übertragen, infiltriert und anschließend manuell poliert. Schon damals wurde uns klar, dass wir aus dem Material Zirkonoxid keine Gerüste, sondern Zähne herstellen werden. Das haben wir dann auch und tun das bis heute.

Lediglich die Technik und die Materialien sind einfacher und besser geworden. Monolithisch funktionell zu arbeiten heißt, immer wieder gleichbleibende Ergebnisse zu erzielen, unabhängig von der Tagesverfassung des Zahntechnikers, und vor allem im Vergleich zu einer manuell dosierten Keramikmasse mit einer immer gleichbleibenden Materialqualität. Die lapidare Aussage „Vollzirkonoxid ist viel zu hart, schädigt dieses und jenes und so weiter“ sowie auch die prophetische Aussage „ihr werdet schon noch sehen“ haben sich in all den Jahren, in denen wir mit dem Mate­rial arbeiten, nicht bewahrheitet. Diese ganzen Aussagen und Befürchtungen haben keinen wissenschaftlichen Hintergrund.

In PubMed kann man keine Literatur dazu finden – und das soll doch was heißen. Selbst von universitärer Seite werden auf Implantaten Vollzirkonoxidversorgungen empfohlen. Die Zukunft wird monolithisch sein. Intraoral einscannen – modellieren – fräsen – Surface enobling, und das Ganze „modell-los“. Und zum Thema Funktion: Aus unserer Sicht ist der virtuelle Artikulator dem physischen weit überlegen. Während vor Jahren viele für diese monolithische Technik nur ein Lächeln übrig hatten, ist es heute für viele weltweit „State of the Art“.

Nix mit PEEK-O-Bello

Die neue Welle der Hoch­leistungs­kunst­stoffe, High-Performance-Polymere, High-tech-Kunststoffe und noch vieler weiterer High-Begriffe möchte gerne flächendeckend die Labore erobern. Zu dem Thema metallfreier, herausnehmbarer Zahnersatz gibt es außer Herstellerprospekten, Anwenderpublikationen und von Herstellern in Auftrag gegebenen Studien weltweit keine wissenschaftlichen, universitären Indikationen und eindeutigen Richtlinien. Alles Wissen basiert nur auf aus Metall hergestelltem, herausnehmbarem Zahnersatz. Eben wegen dieser fehlenden wissenschaftlichen und universitären Indikationen und Richt­linien ist diese Technik nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen enthalten. Man kann doch nicht so ohne Weiteres herausnehmbaren Zahnersatz einfach von Metall auf Hochleistungskunststoff switchen. Man darf nicht in „Metall denken“, wenn man metallfrei arbeitet. Schlagworte wie „knochenähnlich, Stoßdämpfer, Bandscheiben/Schädel-Chirurgie“ werden meistens nicht hinterfragt, ist halt eben so … Wäre ein Zahn knochenähnlich, wäre er zum Kauen ungeeignet. Hätte ein Gerüst eine echte Stoßdämpferfunktion, würde es sich immer wieder dezementieren und die Ränder wären ausgeschlagen. In der Mundhöhle, in diesem extrem rauen Milieu, herrschen Kaukräfte bis zu 3000 N, Zug- und Druckspannungen, Torsionen, Temperaturwechsel, pH-Änderungen, Korrosionen, Wechselwirkungen mit bereits inkorporierten Materi­alien, Medikamenten, Nahrungsmitteln, Umweltbelastungen und vieles vor – und das alles bei 100-prozentiger Feuchtigkeit. Das sind komplett andere Bedingungen als etwa bei einem Schädeldeckenimplantat.

Unterschiedliche Elastizitätsmodule

Zwei Werkstoffe mit unterschiedlichen E-Modulen, in unserem Fall ein Thermoplast (Gerüst) und ein Komposit (Verblendung), sind rein physikalisch zwei Gegen­spieler. Im Klartext – das Gerüst hat unter extremen Belastungen eine gewisse Rückstellelastizität (Plastoelastizität), die zum Beispiel darauf befindliche Kompositverblendung ist jedoch hart bis spröde. Infolge der auftretenden Spannungskräfte wird das härtere Material geschädigt. Es können Brüche, Risse oder auch nur ein mikroskopisch kleines Krakelee* entstehen. Der Speichel und die Zeit erledigen dann den Rest. Ergebnisse sind Sprünge, Brüche, Abplatzungen, Verfärbungen, starke Plaqueaffinität, unangenehme Gerüche oder unzureichende Ästhetik. Das sind zahntechnische Bumerangs. Diese Arbeiten kommen also immer wieder zurück ins Labor.

Bei uns im Labor haben wir uns seit vielen Jahren auf metallfreien, herausnehmbaren Zahnersatz fokussiert, da diese Versor­gungs­form zu unserem ganzheitlichen, biologischen Konzept passt. Extrem viel Lehrgeld, doppelt oder sogar dreifach neu angefertigte Restaurationen, haben unser Einsatzgebiet für diese Art von Material und den daraus gefertigten Versorgungen sehr eingeschränkt.

Folgende Konstruktionen aus High-Performance-Polymeren haben sich bei uns bewährt:

  • Klammerkonstruktionen – sie werden bei uns nur als Langzeitprovisorien angeboten.
  • Teleskop-/Steg-Konstruktionen – bei diesen arbeiten wir nur coverdentureähnlich, um eine maximale Stabilität zu erhalten, vor allem aber Verwindungen und Torsionen zu vermeiden.

 

PMMA hat sich über Jahre bei uns deutlich besser bewährt als zähe, spröde, anfangs noch wunderschöne Komposite. Die ganze Konstruktion wird damit ummantelt, sodass nur die Teleskop-/Steg-Innenteile als „Restrisiko“ zu betrachten sind. Mein Fazit: Metallfreier, herausnehmbarer Zahnersatz aus hochtemperaturbeständigem thermoplastischem Kunststoff ist noch als „experimentelle Zahnheilkunde“ zu erachten, und egal, wie man es anstellt, ein gewisses Restrisiko bleibt immer. Ich möchte an dieser Stelle nochmals an das Zitat aus dem Talmud erinnern (dem bedeutendsten Schriftwerk des Judentums): „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte, achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen, achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten, achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter, achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“ Also, liebe Kollegen, liebe Dentalbranche, wir haben unser Schicksal in der Hand. Wir bekommen die Kunden und das Personal, das zu uns passt, also unser eigenes Spiegelbild.

Info

Alle in diesem Beitrag gezeigten Arbeiten wurden von unseren Youngsters Arbnor Saraci und Lukas Wichnalek in „New-School“-Technik hergestellt. Das Wachs kennen sie vom Trainieren, aber gearbeitet wird bei uns mit der Maus, besser gesagt mit Mäusen, also eine links und eine rechts. Wenn man mit zwei Mäusen gleichzeitig arbeitet, spricht man dann noch von Handwerk oder Händewerk? Die Zähne haben sich seit Jahrhunderten/Jahrtausenden nicht verändert. Dagegen hat sich die Zahntechnik im letzten Jahrzehnt gewaltig zum Positiven verändert.

Epilog

Bleibt innovativ und verhindert, dass ihr im Einheitsbrei der Gleichförmigkeit versinkt. Macht euch Gedanken, ändert Routinen und probiert euch aus! Kollegiale Grüße aus Augsburg, euer Norbert Wichnalek

Teile 1 bis 3

Lesen Sie auch Teile 1 bis 3 der Artikelreihe „Zahntechnik im Wandel“:

Teil 1: Kommentar über die Veränderungen des Berufsbilds
Teil 2: Auch mal Misserfolge zeigen
Teil 3: Auftragskiller und das Nirvana der Abwarterei

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*Das Krakelee, von französisch craqueler, „rissig werden lassen“; craquelé, „rissig, gesprungen“, ist ein Sprung- oder Rissnetz, das in Ölgemälden, Steinen, Schmucksteinen, Lackierungen, Glasflächen, Glasuren von Keramikgegenständen oder in Wandmalereien, Fassadenputzen und -anstrichen vorkommt oder vorkommen kann. Quelle: Wikipedia