Sehr geehrter Herr Weber. Sie sind Geschäftsführer des Metzinger Vertriebsunternehmens Jensen Dental aber auch des Liechtensteiner Keramikspezialisten Chemichl. Wie geht das zusammen?
Joachim Weber: Guten Tag. Zunächst möchte ich mich für Ihr Interesse an unserem Produkt und den Zusammenhängen, die dahinterstecken, bedanken. Sie meinen, wie es zusammenpasst, dass wir einerseits Dentalkeramik entwickeln und andererseits diese vertreiben … Eigentlich ganz gut, bisher (lacht). Ich hatte 1999 in Stuttgart meinen Meister als Zahntechniker absolviert. 2001 bekam ich dann die Möglichkeit, in die Dentalindustrie zu wechseln. Zuerst bei Anaxdent als Anwendungstechniker für Dentallegierungen und Dental­keramiken (Authentic), und anschließend als Zahntechniker bei der Firma Zubler/Ulm, die damals einen eigenen Dentalkeramikofen entwickelte. Was mir auf diesem Weg immer wieder aufgefallen ist, das war der Punkt, dass der eigentliche Anwender immer erst sehr spät oder gar nicht gefragt wurde, was er eigentlich benötigt oder von einem Produkt erwartet. Als Zahntechniker ist es manchmal schwierig, einem Ingenieur zu erklären, was man genau möchte. Die Berufserfahrung der Zahntechniker kommt bei den Entwicklungsprozessen oft erst an letzter Stelle. Dies ist es, was ich in meiner Position als Geschäftsführer bei der Chemichl AG bei der Entwicklung als auch bei der Jensen GmbH im Vertrieb versuche anders zu gestalten. Dadurch und durch die Erfahrung, die unsere Anwender an uns und mich zurück geben, haben wir einen anderen Blick und gehen entwicklungstechnisch in eine andere Richtung. Mich hatten die Möglichkeiten, die uns CAD/CAM und Zirkonoxid bieten, immer fasziniert. Allerdings hat mich die Ästhetik der CAD/CAM-gestützt gefertigten Zirkonoxidrestaurationen immer abgeschreckt. Daraus entstand die MiYO Idee (Abb. 1a und b).

Können Sie kurz die Chemichl AG, deren Historie und die Mitarbeiterstruktur umreißen?
Weber: Chemichl war ein klassischer OEM-Hersteller für Dentalkeramik. Ich bin mir sicher, dass fast jeder Techniker schon in irgendeiner Form mit einem Produkt der Firma Chemichl Kontakt hatte. 2010 kam ich als Leiter der Anwendungstechnik und des Qualitätsmanagements zu Chemichl. Dort haben wir dann die Eigenmarke InSync eingeführt zu der auch MiYO gehört. Aufgrund der sehr innovativen Entwicklungsabteilung, einer Anwendungstechnik, die eine Chefin hat, die meine Ideen versteht, und einer Produktion, die sich die Qualität der Produkte als oberste Priorität auf die Fahnen geschrieben hat, können wir neue Materialkonzepte realisieren. Wir sind nicht sehr groß und die Entscheidungswege kurz. Das verleiht dem Ganzen einen Speed, der uns auszeichnet (Abb. 2).

Wie kann Jensen vom hohen Know-how der Chemichl AG profitieren?
Weber: Mit der Jensen GmbH und auch Jensen Inc. in den USA haben wir eine Vertriebsstruktur, die den Techniker in den Vordergrund stellt. Meine Außendienstmitarbeiter sind allesamt Zahntechniker. Zusätzlich gibt es eine technische Abteilung, die für Schulung und Support zur Verfügung steht. Sie sind meine Sensoren im Markt. Hier bekommen wir Rückmeldungen, die manchmal nur Kleinigkeiten sind. Bestes Beispiel ist die Lumin/Lumin Plus Masse von MiYO. Alle Keramiker kennen den Satz „alles supertolle Arbeiten, aber könnten wir das ein bisschen heller machen?“ Das ist der Punkt, an dem man am Freitagnachmittag beginnt, sein Wochenende neu zu planen. Also haben wir Lumin entwickelt. Damit kann ich den Helligkeitswert erhöhen, ohne das Chroma zu verändern (Abb. 3). Allerdings kam dann ein Anruf und von einem unserer KOL (Key Opinion Leader = Meinungs­führer) der Satz: „Jo (A.d.R.: so wird Joachim Weber von seinen KOLs genannt), Lumin ist nicht hell genug! Mach was!!“ Wir haben dann in zwei Tagen einen Prototyp eingefärbt. Der Techniker war dann super happy und wir haben im Gegenzug dank ihm ein weiteres Ass im Ärmel.

Und wodurch zeichnet sich MiYO denn nun konkret aus?
Weber: Am Anfang stand die Glasur, die hundertprozentig durchsichtig ist und nicht vergraut (Abb. 4). Damit war der erste Schritt getan. Als wir dann versuchten, daraus eine Malfarbe zu machen, erkannten wir sehr schnell, dass sich mit dieser nicht die Tiefenwirkung erzielen ließ, die wir gerne gehabt hätten. Mit der Erfahrung, die wir bei der Farbentwicklung von InSync ZR gesammelt haben, wurde uns schnell klar, dass nur eine Schichtkeramik das leisten kann, was wir suchen. Nun muss ich aber ja nicht die x-te Schichtmasse für Zirkonoxid einfärben … Ich habe ja schon eine. Also haben wir die Schichtkeramik in eine vorgefertigte Paste umgewandelt. Diese vereint die Tiefenwirkung der Schichtkeramik mit dem minimalen Auftrag von Pasten – und zwar sowohl auf Zirkonoxiden, als auch auf Lithiumdisilkat-Keramiken. Fertig war MiYO (Abb. 5a und b).

Man möchte ja nicht meinen, dass so viel von der Qualität einer Keramik und somit vom Hersteller abhängt. Oft bekommt man den Eindruck, die Massen kämen alle von einem Hersteller. Wodurch zeichnen sich die Chemichl AG und deren Produkte konkret aus?
Weber: Ja, früher war das sicher so, dass es nur wenige Hersteller gab und viele dasselbe Produkt mit unterschiedlichem Namen verkauften. Allerdings ändert sich dies, auch wegen der neuen MDR. Chemichl entwickelt selbst, produziert selbst und verkauft über die Schwesterorganisation Jensen GmbH selbst. Das bedeutet für die Anwender unserer Produkte, dass sie bei Fragen immer mit dem tatsächlichen Hersteller sprechen. Ich sag das ganz ehrlich, auch ich muss manchmal am Telefon oder vor Ort sagen: „Das habe ich bisher noch nicht gesehen“. Allerdings läuft dann ein Prozedere an, das darauf ausgelegt ist, herauszufinden, was ich da gerade vor mir habe. Von der Analyse dessen was der Zahntechniker im Labor gemacht hat, das heißt dem Sammeln der Informationen wie, welche Flüssigkeit, Brenntemperaturen, Ofeneinstellungen, welches Gerüstmaterial et cetera verwendet wurde, bis hin zur REM-Analyse mit qualitativer und quantitativer Auswertung (siehe Abb. 7), können wir schließlich sagen, wo der Fehler lag. Und ist dies etwas, das wir anpassen müssen, so setzen wir das dann auch zeitnah um.

Mit MiYO scheint Ihnen ein klasse Produkt gelungen zu sein. Hand aufs Herz – wie viel Zufall war an diesem Erfolg beteiligt?
Weber: Zufall war vermutlich die Kombination aus Zahntechnikern bei uns im Haus, den Zahntechnikern im Markt und der Fähigkeit der Mitarbeiter in der Anwendungstechnik und Entwicklung, außerhalb der Regeln zu denken. Es dauert, bis so ein Team sich gefunden hat. Doch wenn es sich gefunden hat, dann gibt uns ein Erfolg wie der unsere recht.

Doch Chemichl und Jensen sind mehr als MiYO. Welche Besonderheiten gilt es Ihrer Meinung nach noch hervorzuheben?
Weber: Chemichl und Jensen sind aufgrund ihrer Unternehmensstruktur in der Lage, schnell und flexibel zu reagieren, wenn wir sehen, dass etwas geändert werden muss. Aufgrund der Tatsache, dass wir seit Jahrzehnten im Markt sind, schon immer Edelmetall und Keramik entwickelt, hergestellt und supportet haben, existiert ein hohes Maß an Kompetenz. Kompetenz, die wir in die Waagschale werfen können (Abb. 6a bis d). Wie zuvor bereits erwähnt, können wir auch nicht alles, aber wir arbeiten daran, den Fehler zu lösen.

Wenn Sie mit einem der größten Irrglauben hinsichtlich der Dentalkeramiken aufräumen könnten, dann wäre das … ?
Weber: Eine Aussage wie „die Keramik ist schuld …“. Immer wieder bekommen wir Dinge zu sehen, die kaputt sind oder auf irgendeine andere Art und Weise nicht dem entsprechen, was erwartet wurde. Leider bildet die Keramik das Ende der Herstellungskette, weshalb sich jedes vorgelagerte Problem in der Keramik manifestiert. Nicht alles passt zueinander, nicht jede liebgewonnene Technik funktioniert mit neuen Materialien (Abb. 7). Hier sind wir dann gefordert, um zu erklären und zu helfen.

Sehr geehrter Herr Weber, wir danken Ihnen vielmals für Ihre ehrlichen Antworten und das freundliche Interview.

Abbildung 01 bis 07