„Seit Anordnung der vorläufigen Eigenverwaltung am 25. Februar konnte das Unternehmen Pluradent nachhaltig stabilisiert werden. Alle Mitarbeiter engagieren sich sehr, und sowohl Kunden als auch Lieferanten unterstützen die Sanierung. Die nicht absehbare Coronakrise hat uns zwar auch hart getroffen, da der deutsche Dentalmarkt seit Februar um 50 Prozent eingebrochen ist. Doch im Vergleich zu Wettbewerbern, die umgehend Kurzarbeit anmelden mussten, sind unsere Umsätze deutlich weniger gesunken“, sagt die Sachwalterin, Rechtsanwältin Julia Kappel-Gnirs von hww Hermann Wienberg Wilhelm, die im Auftrag des Amtsgerichts Offenbach die Eigenverwaltung von Pluradent überwacht. Pluradent ist nach eigenen Angabe der größte deutsche Dentalhändler in Familienbesitz mit über 800 Mitarbeitern allein in Deutschland.

Der Betrieb der zur Pluradent Gruppe gehörenden GLS Logistik GmbH in Kassel, die über 120 Mitarbeiter beschäftigt, läuft ebenfalls ohne Einschränkung weiter. Dieses Verfahren in Eigenverwaltung wurde vom Amtsgericht Kassel eröffnet. Das „hervorragende Engagement der Mitarbeiter“ betont auch die Sachwalterin von der GLS Logistik, Rechtsanwältin Jutta Rüdlin von BRRS: „Nach den bisherigen Ergebnissen bin ich zuversichtlich, dass GLS und Pluradent die Coronazeit überstehen und während der Eigenverwaltung erfolgreich saniert werden. Bei GLS ist der Restrukturierungsbedarf überschaubar. Zwar übersteigt die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln und Schutzkleidung immer noch das Angebot. Eine neu eingerichtete Task-Force konnte aber neue Lieferanten gewinnen und Situation verbessern.“

Unternehmen wird als dentales Handels- und Dienstleistungsunternehmen neu aufgestellt

Der Dentalhandel hat sich durch neue Online-Anbieter, den Trend zu Großpraxen und den Einstieg von Finanzinvestoren in den vergangenen Jahren stark verändert. Pluradent hat deshalb in der vorläufigen Eigenverwaltung ein neues Geschäftskonzept erarbeitet und wird sich jetzt in der Eigenverwaltung als dentales Handels- und Dienstleistungsunternehmen neu aufstellen. Alle Vertriebskanäle werden an das veränderte Kundenverhalten angepasst. Der Onlineshop wird überarbeitet, um Nutzern mehr Service und Funktionen sowie ein transparentes Preissystem zu bieten. Die Sortimente werden gestrafft und die Eigenmarke Pluline gestärkt.

„Wir wollen der erste Dentalhändler in Deutschland werden, der komplette Digitallösungen national umsetzt. Die Auftragsabwicklung wird vereinfacht. Neben unseren Stammkunden werden wir uns stärker auf die unternehmerisch ausgerichteten Mehrbehandler-Praxen und zahntechnischen Laboratorien konzentrieren. Da die technische Komplexität von Zahnarztpraxen zunimmt, werden wir den technischen Service und die Wartung ausbauen. Praxen müssen heute technisch reibungslos laufen, damit unsere Kunden ihre Patienten optimal und ohne Zeitverluste behandeln können. Unser beratungs- und dienstleistungsintensives Projektgeschäft werden wir deshalb ebenfalls erweitern“, sagt Pluradent-Vorstand Karsten Hemmer.

20 Mitarbeiter von Bauer & Reif wechseln zu Pluradent

Bis Anfang des Jahres 2023 wird nur eine leichte Abnahme der Mitarbeiterzahl in der Gruppe erwartet. Während sich in den operativen Bereichen die Zahl der Mitarbeiter nicht ändern soll, sind Kürzungen in einigen administrativen Bereichen geplant. Der Bereich E-Commerce soll ausgebaut werden. Kurzfristig werden die Niederlassungen Bremen, Rostock, Stuttgart und Kempten geschlossen. Neue Vertriebsstützpunkte wurden in Erfurt und Neuss eröffnet. In Neuss hat sich jetzt ein Team von 20 Mitarbeitern des insolventen Dentalhändlers Bauer & Reif der Muttergesellschaft Pluradent angeschlossen. Aktuell liegen bereits mehrere interessante Angebote von Investoren vor. „Wir nehmen jetzt detaillierte Gespräche mit Interessenten auf und erwarten noch weitere Angebote“, sagt Pluradent-Vorstand Dr. Gordon Geiser, Rechtsanwalt von GT Restructuring.