Zwischen Respekt, Disziplin und westlichem Lifestyle – so erlebte ich Japan Anfang des Jahres 2020. Fünf Wochen verbrachte ich in dem von Vielfalt geprägten Land und lernte eine Lebensweise kennen, die in unserer westlichen Welt kaum vorstellbar, doch wünschenswert ist. Aber beginnen wir von vorn.

„Nature‘s Morphology“

Schon als Kind blätterte ich in der zahntechnischen „Bibel“ des japanischen Keramikmeisters Shigeo Kataoka „Nature‘s Morphology“. Damals faszinierte mich der wunderschön illustrierte Atlas. Heute begeistert mich, wie mit einer mir bislang ungeahnten Genauigkeit die Morphologie natürlicher Zähne nachgeahmt werden kann. Als Tochter eines Zahntechnikers wuchs ich im Familienbetrieb – ein Dentallabor in der Oberpfalz – auf und lernte schon bald, dass Zahntechnik mehr als „nur“ ein Beruf ist. Hinter einer erfolgreichen zahntechnischen Rekonstruktion stecken harte Arbeit, Fleiß, Ausdauer und Disziplin. Und eine große Portion Ehrgeiz sowie die Motivation, sich immer wieder selbst zu verbessern. Im Juli 2019 beendete ich meine Ausbildung zur Zahntechnikerin. Mein größter Wunsch war es, endlich Kataoka Sensei kennenzulernen.

Sensei = früher geboren
Höfliche, ehrenvolle Anrede. Durch die Verwendung von Sensei wird der Lebenserfahrung und den Fähigkeiten einer Person besonderer Respekt gezollt.

Von Kataoka Sensei wollte ich mehr über seine herausragende Technik erfahren; wollte lernen, wie er anatomische Merkmale natürlicher Zähne detailgetreu in keramische Restaurationen überführt. Es war mein großer Wunsch, die Art kennenzulernen, mit der er Zahntechnik lebt. Und ich wollte tiefer eintauchen in die Kultur und die Tugenden Japans. Also bewarb ich mich an der renommierten Morphologie- und Keramikschule (Osaka Ceramic Training Center) von Kataoka Sensei – und wurde aufgenommen. Im Januar 2020 flog ich mit viel Neugier und Vorfreude im Gepäck nach Japan. Begleitet von einem großen Glücksgefühl und aufgeregtem Kribbeln im Bauch kam ich in Japan an und erlebte eine Zeit, die mich nachhaltig prägte.

Gemeinwohl als Hauptziel

Schon vor der Reise habe ich mich viel mit dem Land und der Kultur beschäftigt. Beeindruckend sind die Werte und Tugenden der Japaner. Hier steht das Gemeinwohl über allem. Während die westliche Welt geprägt ist von Individualität, leben Japaner ein Miteinander. Natürlich bleibt der westliche Einfluss im Land nicht aus. Bemerkenswert dabei ist, dass die „Modernisierung“ fast ohne Abkehr von traditionellen Werten erfolgt. Höflich, pünktlich, ehrlich, diszipliniert – das Leben ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Respekt. All dies sind Werte, die bei meiner Erziehung eine große Rolle gespielt haben. Meine Erfahrung vor Ort übertraf dann alle Erwartungen. Bereits ab der ersten Sekunde am Flughafen sind mir die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Japaner aufgefallen. Trotz Sprachbarriere – Japaner sprechen kaum englisch – sind die Menschen unglaublich zuvorkommend und herzlich. Ich fühlte mich sofort willkommen und eingebunden. Am Osaka Ceramic Training Center angekommen, zeigte mir mein Lehrer Tetsuya Shoji die Umgebung und stattete mich mit Informationen für meine ersten Tage in Japan aus.

Omotenashi = Gastfreundschaft
Omotenashi ist Teil der japanischen Kultur – ein Gleichgewicht von Aufmerksamkeit, Unaufdringlichkeit und Respekt

Der erste Schultag

Nach drei Tagen der Eingewöhnung folgte meine „Einschulung“. Bei einer kurzen Vorstellungsrunde lernte ich die Schule, das Labor und meine Kommilitonen kennen. In der Schulklasse waren etwa 20 japanische Zahntechniker, die die Kunst der keramischen Schichtung studieren. Diese Weiterbildung dauert in der Regel ein Jahr. Zudem dürfen zweimal jährlich kleine Gruppen ausländischer Zahntechniker am Unterricht teilnehmen und einen mehrwöchigen Studienaufenthalt absolvieren. Eine Jungtechnikerin aus Kanada, zwei erfahrene Zahntechniker aus Polen und England sowie ich, ebenfalls Jungtechnikerin, – das war unsere „Ausländergruppe“. Wir wurden freundlich und offen in die Klassengemeinschaft aufgenommen. Und auch wenn aufgrund der Sprachbarriere das eine oder andere Wort fehlte, verstanden wir uns mit den japanischen Mitschülern prächtig.

Japanische Tugenden prägen den Schulalltag

Pünktlichkeit ist in Japan ein Selbstverständnis; als Regel gilt: Zwischen fünf Minuten vor der Zeit bis auf den Punkt genau. Unser Unterricht begann jeden Tag um 9:20 Uhr mit einer Anwesenheitskontrolle und dem Verbeugen vor dem Lehrer. Für den einen oder anderen Leser mag das ungewöhnlich klingen, doch das Verbeugen gehört in Japan zur Respektsbekundung und Höflichkeit, so wie bei uns das Händeschütteln oft noch Sitte ist. Weitere bemerkenswerte Tugenden der Japaner sind Sauberkeit und Reinheit. Wie fast alles in dieser Kultur hat auch dies eine tiefere Bedeutung. Es geht nicht nur um das Entfernen von Schmutz, sondern darum, das Gleichgewicht im Leben zu halten und die Harmonie zu wahren. Aufräumen auf Japanisch: Weniger ist mehr!

„Alles, was schmutzig und unordentlich ist, wirkt sich auf das Wohlbefinden aus und lenkt den Geist ab.“

Jeden Tag reinigten wir zweimal das Labor; dies war Bestandteil des Unterrichts am Tagesanfang und -ende. Gemeinsames Putzen gehört in Japan „zum guten Ton“; schon die Kinder werden so erzogen. Unseren Unterricht beherrschten Stille und ungeteilte Aufmerksamkeit für den Lehrer. Geredet wird nur, wenn es wirklich etwas zu sagen gibt. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“. Bevor man zu reden beginnt, wird genau überlegt, was man sagen möchte. Auch dies gehört zur Wertschätzung, die anderen Menschen entgegengebracht wird. Die Höflichkeit und der achtvolle Umgang miteinander haben mich begeistert. Offizieller Schulschluss war 16:00 Uhr. Und während in Deutschland die Schüler oft aufspringen und aus dem Schulgebäude stürmen, offenbarte sich in Osaka ein anderes Bild. Alle blieben sitzen. Nach dem offiziellen Unterricht stehen die Laborräume für drei Stunden zur freien Verfügung; wirklich jeder hat diese Zeit genutzt und die Schule erst verlassen, als sie abgeschlossen wurde. Die Selbstdisziplin wirkte ansteckend und so übten auch wir Gaststudenten jede Minute, um uns wieder ein Stück zu verbessern. Nach dem Credo „Alles ist schwer, bevor es leicht wird“ gehört das Streben nach Perfektion zum japanischen Lebenselixier und hat auch viele Zahntechniker auf der ganzen Welt geprägt.

„Übung macht den Meister! Ein Musikinstrument wird man nie perfekt spielen können, wenn man es nur zum Musikunterricht in die Hand nimmt!“

Zahn des Tages

Viel Zeit widmeten wir dem Schnitzen von Zähnen und damit einer Aufgabe, die eine Menge Ausdauer abverlangt. Zunächst wurde der „Zahn des Tages“ mit seinen Charakteristika theoretisch erörtert. Danach hatten wir eine Stunde Zeit, diesen Zahn maßstabsgetreu aus einem Block Superhartgips herauszuarbeiten – Detail für Detail. Die japanische Methode des Zähne Schnitzens ist mühselig, zugleich jedoch sehr effektiv. Geschult werden dadurch die Wahrnehmung, die Fingerfertigkeit und das Formgefühl. Zudem werden die Konzentrationsfähigkeit, die Geduld und die Beharrlichkeit gesteigert. Kataoka Sensei insistierte: „Wenn du ein ganzes Jahr lang jeden Tag einen Zahn schnitzt, kannst du es danach in einer Stunde schaffen“. Und wir haben geübt; Tag für Tag unermüdlich.

Erfolg ist kein Glück

Der Alltag in der Schule war geprägt vom höflichen Miteinander. Rücksichtsvoll und zuvorkommend wird gelernt, geübt, gearbeitet. Montag und Dienstag hatten wir Unterricht mit Kataoka Sensei. Mittwoch schulte uns Wakita Sensei. Donnerstag und Freitag stand uns praktische Übungszeit zur Verfügung. Die Lehrer sensibilisierten uns unter anderem für Beharrlichkeit und Disziplin. Kataoka Sensei lehrte uns beispielsweise seine Art der keramischen Schichttechnik. Mit einer fast unerschütterlichen Kraft, die aus der eigenen Motivation herrührte, schichteten wir Zähne. Immer und immer wieder übten wir die naturanaloge Schichttechnik, die auf Beobachtung und Präzision basiert. Jeder Arbeitsschritt wurde vorgezeigt. Sensibel und zuvorkommend wiesen die Lehrer auf Fehler hin. Zur japanischen Sitte gehört es, dem Gegenüber eine Kritik so zu äußern, dass der andere sein Gesicht wahrt. Mir gefallen dieser Respekt und die Achtung vor den Menschen sehr; es ist nicht demotivierend, sondern ermutigend.
Nachhaltig prägte mich die strukturierte Arbeitsweise von Kataoka Sensei. Er geht effizient vor, arbeitet prozessorientiert. Nichts wird dem Zufall überlassen, sondern alles ist organisiert, geordnet und durchdacht. Seine Beharrlichkeit und der Drang danach, einen möglichst perfekten Zahn zu schichten, scheinen weniger von Ehrgeiz geprägt, sondern viel mehr von Ruhe und Gelassenheit.
An der Morphologie- und Keramikschule waren alle Übungsaufgaben individuell an den Schüler angepasst. Als Jungzahntechnikerin und Anfängerin habe ich viel im Bereich der monolithischen Technik gelernt. Es wurden unterschiedliche Maltechniken gelehrt, und gezeigt, wie mit dem gezielten Einsetzen der Farben an korrekter Stelle dem gepressten Zahn eine natürliche Ästhetik verliehen werden kann. Die Kunst der Maltechnik ist sehr effektvoll; wie bei einer optischen Täuschung wirkt die bemalte Krone von innen heraus lebendig, obwohl sie nur von außen bemalt wird. Zudem übten wir uns anhand überdimensioniert gepresster Keramikkronen in der Formgebung und dem Einbringen einer lebendigen Mikro- und Makrotextur. Beeindruckend war, wie Kataoka Sensei mit gezielten „Handgriffen“ Textur und Oberfläche erarbeitet.

„Selbst ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt.“ (Japanisches Sprichtwort)

Ein Stück Heimat in Japan (der Osaka-Schleifer)

Beim gezielten Bearbeiten der Keramikoberfläche erlebte ich eine freudige Überraschung. Kataoka Sensei nutzt zum Ausarbeiten der keramischen Oberfläche das gleiche Schleifset wie wir in Nabburg. Als ich auf seinem Arbeitstisch die „Osaka-Schleifer“ sah, fühlte ich fast ein wenig Heimweh. Sofort machte ich ein Foto der Schleifkörper und schickte es per WhatsApp an David Briegel (Briegeldental), von dem wir die Schleifer in Deutschland beziehen. Kataoka Sensei arbeitet überwiegend mit zwei Schleifkörpern. Der große Schleifer dient dem Ausarbeiten der Makrotextur, mit dem kleineren, sehr spitzen Schleifer lässt sich wunderbar eine feine Mikrotextur erarbeiten. Selbst hauchfeine Perikymatien lassen sich damit sehr gut darstellen. Vorteil der Schleifkörper ist, dass sie ein ebenmäßiges Schliffbild erzeugen, frei von unschönen schwarzen Streifen. Um eine entsprechende Texturvielfalt zu erzielen, werden Druck und Anstellwinkel variiert. Ohne den Schleifkörper ständig auszuwechseln, gelangt Kataoka Sensei mit wenigen Schritten zum Ziel. Japanische Schule: pragmatisch und effizient. Nun weiß ich, woher die „Osaka-Schleifer“ ihren Namen haben. In unserem Labor nutzen wir die Schleifkörper seit einiger Zeit und schätzen sie unter anderem aufgrund ihrer langen Standzeit. Die Schleifer arbeiten sich kaum ab.

Durchdachter Schliff mit den Osaka-Schleifern

Beim Ausarbeiten der keramischen Kronen (zum Beispiel des zuvor genannten, überdimensioniert gepressten Frontzahns) erinnerten wir uns an das beim Zähne Schnitzen erlernte Wissen. Zunächst wird also die Grundform definiert und dann die Außenkontur festgelegt. Mit Lichtleisten wird die Form zusätzlich optimiert. Labial wird auf Reflexionsflächen geachtet, die von horizontalen Linien und Wölbungen begrenzt werden. Danach wird das Mikrorelief festgelegt. Wülste und Leisten werden herausgearbeitet und so dem Zahn sein Charakter verliehen. Sind die vertikalen Vertiefungen angelegt, können horizontale Wachstumsrillen (Perikymatien) eingearbeitet werden. Die Form und Beschaffenheit der Osaka-Schleifer sind optimal, um auf diesem Weg eine naturnahe Morphologie zu erarbeiten.

Geduld: Talent ist harte Arbeit, Perfektion dauert Jahre

Also: Wer ist Shigeo Kataoka? … einer der weltbesten Zahntechniker! Dass dem so ist, das wusste ich schon vor meiner Reise. Heute weiß ich, Kataoka Sensei ist auch ein sympathischer, höflicher Mensch – authentisch und nahbar. Er teilt sein Können gern und legt Schülern all sein Wissen offen dar. Er strahlt eine eindrucksvolle Gelassenheit aus und ist zugleich witzig. „Halbe, halbe“, sagte er oft beim Anmischen der Keramik und wir lachten herzlich über seinen deutschen Wortschatz. Wir haben von Kataoka Sensei und seinem Team viel über Zahntechnik erfahren, aber auch über japanische Tugenden. Wir haben erlebt, wie wichtig es ist, strukturiert zu arbeiten und konzentriert mit Disziplin das Ziel anzustreben. Und wir haben erfahren, uns in Geduld zu üben und nicht aufzugeben. Geduldig sein heißt dranbleiben und Dinge – auch wenn sie schwierig erscheinen – zu Ende zu bringen. Noch oft denke ich an das Zähne-Schnitzen und die körperliche sowie mentale Kraft, die uns das Tag für Tag abverlangte. Doch es war enorm effektiv und schulte mein Formgefühl sowie meine Beobachtungsgabe auf eine beeindruckende Art und Weise.

Dankbarkeit

In der fünften Woche meines Aufenthal­tes besuchte mich meine Familie. Das Wiedersehen war sehr emotional. Ich hatte das Gefühl, mittlerweile viel „reicher“ zu sein als vor der Reise. Kataoka Sensei lud uns in sein Labor ein, was für meinen Vater ein unvergessliches Erlebnis war, denn die Arbeiten von Shigeo Kataoka begleiten ihn während seines ganzen Berufslebens (unter anderem mit dem eingangs erwähnten Buch „Nature‘s Morphology“, das natürlich meinem Vater gehört). Ich selbst bin von Herzen dankbar für den Studienaufenthalt in Japan und die bleibenden Erfahrungen. Ich danke meinen Eltern dafür, dass sie mir dies ermöglicht haben. Das ist nicht selbstverständlich. Die Zeit in Japan hat mich vieles gelehrt, tief geprägt und ist eine gute Basis für meine berufliche Zukunft. Ausdauer, Fleiß und Disziplin, gepaart mit Respekt und Höflichkeit, das ist die Formel, die ich aus Japan mitgebracht habe. Denn – Erfolg ist kein Glück.