Die Losung „Zahntechnik im Wandel“ bot den Anlass für Ztm. Norbert Wichnalek aus Augsburg, diese Artikel­reihe zu verfassen. Der Slogan erschien ihm so abgedroschen, dass er ihn einfach nicht mehr losließ. Schließlich produzierte er seinen eigenen „Senf“ dazu. Dabei herausgekommen ist eine Trilogie in vier Akten – ein vermeintlicher Dreiteiler, der in vier Ausgaben der dental dialogue erscheint. Allen, die jetzt denken, drei und vier, wie passt das zusammen, entgegnet Norbert Wichnalek: „Die Branche übertreibt doch eh oft maßlos. Warum also keine Trilogie in vier Akten?“ Im zweiten Teil widmet er sich den Themen „Globalisierung“, „Social Media“ und „Dentale Animation“. Lesen Sie hier Teil 1: Zahntechnik im Wandel – Kommentar über die Veränderungen des Berufsbildes.

Positive Globalisierung

Digitalisierung und Globalisierung haben die Zahntechnik/-medizin-Branche zum Positiven verändert. Der „goldene Käfig“ ist jetzt offen, oder vielmehr: Er existiert nicht mehr. Daher muss man sich als freier Unternehmer heute unabhängig von irgendwelchen Verbänden und Organisationen auf dem globalen Markt behaupten, seinen Platz, seine Nische, seine Klientel finden. Eventuell auch wie eine ­Marke agieren. Das „Kronenmachen“ ist doch ein globales Phänomen. Die lapidare Aussage, Arbeiten aus dem Ausland sind qualitativ nicht optimal, ist wahrscheinlich für viele nur eine hilflose Ausrede dafür, wenn einem die Argumente ausgehen, warum die Arbeitsaufträge ausbleiben. Die Energie und die Gedanken, die sich manche etwa zu dem Thema Zahnersatz aus dem Ausland, Praxislabor, Industrie und vielem mehr machen, sollte man lieber in die Entwicklung des eigenen Unternehmens stecken. Das bedeutet zwar Arbeit, aber wer hat gesagt, dass es nicht anstrengend wird …

Es ist doch schön, wenn Mitbürger, die sich so manchen Zahnersatz nicht leisten können, die Möglichkeit bekommen, sich auch optimal versorgen zu lassen. Ich kann mir zum Beispiel auch so manches nicht leisten, aber so ist es nun mal im Leben.

Wir stellen in unserem Labor oft Zahnersatz für das Ausland her; ist ja per se auch nichts Schlimmes. Wir sind auch sehr oft im Ausland auf Fortbildungen und schauen weit über unseren Tellerrand hinaus. Das ist doch das Schöne an der Globalisierung. Man muss und kann im neuen zahntechnischen Zeitalter die Perspektive wechseln. Allein mit „Präzision“ und „künstlerischem Zahnersatz“ kann man heute nicht mehr punkten und keinen mehr beeindrucken. Es wird und darf doch automatisch vorausgesetzt werden, dass man das als Fachmann beherrscht und garantiert – und zwar im gewerblichen ­Labor wie auch im Praxislabor. Das wäre, als ob der Installateur, der mir mein Bad neu gestaltet, etwas von präzisen Rohrverbindungssystemen oder besonderen Rohrverlegungstechniken erzählt. Für mich als Kunde wären das unnötige Informationen, weil ich das voraussetze. Denn da er den Auftrag bekommen hat, gehe ich davon aus, dass er sein Handwerk beherrscht. Ich werde bei der Terminvereinbarung von meinem Installateur auch nicht in einer Werkstatt mit Maschinen und Werkstattgeruch ­empfangen, sondern in einem Ausstellungsraum/Showroom, also in einem ansprechenden Ambiente, einem Ambiente, in dem meine Wünsche diskutiert werden/meinem Anliegen Gehör geschenkt wird. Ich wollte ja schließlich keine schnöde Nasszelle, sondern ein Wohlfühlbad. Bei dem Gespräch standen nicht die technischen Details im Vordergrund, sondern der Wohlfühlnutzen für mich. Und es spielen auch keine Preisvorgaben irgendwelcher Verbände eine Rolle.

Der freie und offene Umgang mit Menschen und deren Emotionen auf einer ethischen und moralischen Basis ist heute in allen Bereichen gefragt und nötiger denn je. Wir Zahntechniker vermarkten im wahrsten Sinne des Wortes fast identische Produkte. Der Schwerpunkt muss daher also auf der „Identität meines Produktes“ liegen. Aus der „No-Name-Krone“ muss ein Markenprodukt werden. Sie muss zu „meiner Krone“ werden. Wenn Sie sich, liebe Leser, etwas Gutes gönnen wollen, was bevorzugen Sie (wenn Sie nicht gerade spartanisch, asketisch oder selbstkasteiend eingestellt sind)? Geben Sie sich mit irgendetwas zufrieden, oder soll es doch „das Besondere“ sein? Marken oder Brands verbinden viele mit Giganten wie beispielsweise Mercedes, Nike et cetera. Das Wort „Marke“ ist vielleicht für gestandene Handwerker etwas irreführend. Man könnte es mit dem „guten Ruf“ vergleichen. Somit sollte man nicht nur an seinem Produkt, sondern auch an seinem Ruf arbeiten. Dazu habe ich einmal einen passenden Spruch gelesen, den ich an dieser Stelle mit Ihnen teilen möchte: „Die Marke ist, was die Leute hinter deinem Rücken sagen.“ Also, geben wir unserem Zahnersatz, unserer Krone ein Gesicht. Gesicht = Zufriedenheit = Vertrauen. Denn sobald man sich mit anderen vergleicht, hat man bereits verloren. Seien wir doch einfach wir selbst.

Extrem adipöse Jugendliche laufen mit Markenschuhe von Sportidolen herum und haben somit ein „gutes Gefühl“, obwohl ihr Bewegungsmuster oft nur wenig mit dem ihrer Schuhidole zu tun hat. Auch der Markenunterwäschemarkt boomt nach dem Motto „nur das Beste darunter tragen, damit fühlt man sich wohler …“. Wie wohl muss sich ein Mensch denn mit „Marken-Zähnen“ fühlen, wenn er beim Blick in den Spiegel sein neues Lächeln sieht? Megacool! Die logische Schlussfolgerung: Diese Investition an mich selbst hat sich gelohnt.

Social Media

Eine interessante Plattform für unsere Branche sind die sozialen Medien. Dort findet man unter anderen die Robin Hoods und Che Guevaras der Branche, die notorischen „Immer-daneben-Kommentierer“, zahntechnische Propheten, zahntechnische ­Nostradamusse, dentale Pseudowissenschaftler, Genies der dentalen Ferngutachten, Neuerfinder von alten Sachen und Theorien, dentale Lebensberater, Dentalhobbypolitiker am „Stammtischbildschirm“, dentale Kämpfer gegen Zahnersatz aus dem Ausland/Praxislabore/Industrie/freie Preisgestaltung und je nach Lust und Laune und Tagesverfassung gegen dies und jedes. Man findet dort aber auch dentale Mitläufer, sogenannte „Alles-Liker“ die vom Mittagessen zu Hund und Katz bis hin zur Krone alles liken, aber auch die notorischen anonymen „Allesbeschimpfer“. All diese haben in den sozialen Medien, im Netz ihr zu Hause gefunden. In manchen Gruppen ist sogar „kollegiale Zensur erlaubt“, so bleibt man unter sich in seinem eigenen kleinen begrenzten „Dentaluniversum“.

Die sozialen Medien bieten neben diesen Randerscheinungen aber auch einen kollegialen, interaktiven, fachlichen und internationalen Austausch. Für viele Zahntechniker auch Impulsgeber und Motivator, denn man kann dort so manches von internationalen Kollegen lernen. Auch unser Labor zeigt in den sozialen Medien regelmäßig Präsenz. Als „Selbstdarsteller“ sehen auch international Interessierte unsere Arbeit nach dem Motto: „News from our Laboratory. Highfield Design“. Das hat uns zu hervorragenden Kontakten im In- und Ausland verholfen, sprich konkret zu Aufträgen, Kursen und Vorträgen. Ein Tipp für dental Interessierte/Junkies: „Offline ist das neue Bio“.

Dentale Animation

Hier in Deutschland sind wir mit unserem Laborteam nur noch ganz selten bei Kongressen und größeren Veranstaltungen anzutreffen – wenn, dann schon eher im Ausland. Bei vielen dieser Veranstaltungen hat es den Anschein, als lüden sich die „dentalen Gladiatoren“ gegenseitig in die Arenen ein. Im Hintergrund stehen ihre Sponsoren. Die auf den Bühnen gezeigten, oft perfekten und makellosen Animationen sind in vielen Fällen praxisfremd. Fehler oder sogar Misserfolge kennen diese „Gladiatoren der Neuzeit“ im Gegensatz zum Fußvolk scheinbar nicht (zumindest nicht in der Area). Allerdings ist es doch gerade das Fußvolk, das das Ganze mit seiner immerwährenden Präsenz finanziert. Es wäre wünschenswert, wenn die dort gezeigten Arbeiten auch mal nach einigen Jahren in Gebrauch präsentiert werden würden. Interessant wären auch Darbietungen in der Arena, die auch Fehler und Misserfolge enthalten, (also das, was so mancher aus dem Fußvolk ja auch hat und kennt), Vorträge, in denen Fehler, aber auch deren Lösung gezeigt würden. Ehrliche Zeitangaben für die präsentierten Darbietungen wären auch interessant … Doch sind diese Zeitangaben dann auch marktrealistisch? Oder nur showrelevant? Ich würde mir also Veranstaltungen wünschen, die zu etwa 30 % Technikmisserfolge und deren Behebung behandeln – der Rest darf dann gerne Dentalshow sein. Davon hätte jeder was. Das Gleiche sollte auch für Kurse gelten. Wie oft werden in Kursen Arbeiten angefertigt, die bis ins letzte Detail gut choreografiert und immer und immer wieder mit dem Sparring-Partner „Phantommodell“ trainiert wurden – ja, wenn da mal nichts Gutes dabei herauskommt.

Epilog

Und schon ruft wieder ein neuer „Aufguss“ im Wellnesspark. Ich muss also für heute Schluss machen. Doch kein Verdruss, denn eine neue Folge meiner „Freitagsfortbildung“ folgt in der nächsten Ausgabe der dental dialogue. Das nächste Mal widme ich mich dem Themenkomplex „Mensch und Maschinen“.
Liebe Kollegen, bleiben Sie wachsam! Es wäre doch schlimm und langweilig, wenn wir die wahren Herausforderungen verschlafen würden. Kollegiale Grüße aus Augsburg.

Ihr Norbert Wichnalek

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