Die Richtung, in die die Kräfte beim Kauen wirken, lässt sich gezielt steuern. Dafür wird bei den Kunststoffzähnen die Geometrie der okklusalen Form entsprechend den physikalischen Prinzipien aufgebaut. Für die Hersteller der künstlichen Zähne ist das kein Problem und bei entsprechendem Know-how ohne weiteres umsetzbar. Dieses Prinzip der Steuerung der Kaukräfte ist ebenso in der Hybridprothetik als auch bei festsitzendem Zahnersatz anwendbar. Insbesondere bei implantatgestützten Versorgungen weist die Aufstellmethodik deutliche Vorteile auf, da die Kaukräfte möglichst orthograd (senkrecht) auf die stützenden Elemente wirken und diese somit nicht überbelasten. Zum heutigen Zeitpunkt gestalten viele Labore, oftmals auf Wunsch der Zahnärzte, die Okklusion nach den bekannten stereotypen Techniken. In den USA ist die 0°-Okklusionsform sehr populär. Weltweit ist die klassische Okklusionsform nach Gysi entsprechend dem Vorbild der natürlichen Bezahnung die weitaus häufigste Methode.

Seit Payne [1] 1941 bei Prothesenzähnen die bukkalen Höcker außer Okklusion gestellt und nur die palatinalen Höcker in Funktion belassen hat, fand diese Methodik der lingualisierten Okklusion in den USA, Europa und Japan viele Anhänger. Mit der neuen, in diesem Beitrag vorgestellten Methode der kammorientierten Okklusion (gesteuerte Richtung der resultierenden Kraftvektoren) ergeben sich neue Möglichkeiten zur Stabilisierung der Okklusion. Denn obwohl sich inzwischen die Erkenntnis der unilateralen Mastikation durchgesetzt hat, ist das althergebrachte Okklusionskonzept der bilateral balancierten Okklusion mit 28 Zähnen weiterhin die häufigste Okklusionsform in der Totalprothetik. Liegt festkonsistentes Kaugut unilateral zwischen der oberen und unteren Zahnreihe, sind auf der Gegenseite keine Zahnkontakte möglich. Somit sind die balancierenden Kontakte dort wirkungslos [2]. Mit einer Watterolle lässt sich die Kaustabilität jedes Zahnpaares im Mund schnell und zuverlässig prüfen (Abb. 1).

Die eugnathe Okklusion

Im eugnathen Gebiss sind A-, B- und C-Kontakte die Norm, wenn auch mit vielen Abweichungen. Sie entsprechen dem natürlichen Vorbild. Während der Mastikation ist der aus diesen Kontakten resultierende Kraftvektor leicht nach cranio-bukkal orientiert [3]. Dies wirkt sich bei implantatgestützten und insbesondere bei totalprothetischen Implantatversorgungen negativ auf die Statik aus (Abb. 2). Bei der Analyse der Kraftvektoren der verschieden geneigten Facetten (Funktionsflächen) eines Molaren, zu sehen in der Abbildung 3, wird deutlich, dass nur eine Neigung nach cranio-oral wirkt, dagegen zwei Neigungen nach cranio-bukkal. Daraus entstehen destabilisierende Kippmomente über die bukkalen Höcker. In der Abbildung 4 ist die Seitenansicht eines aktuellen künstlichen Molarenpaars in Verzahnung dargestellt.

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Abbildung 01 bis 04

Implantatprothetikfälle nach Gerber

Je größer die Distanz des abzustützenden Elements (Kieferkamm) zur Okklusionsebene ist, umso weiter wird die Kraft vom tragenden Element weg nach außen projiziert. Bei implantatgestützten Restaurationen ist der Hebel und damit einhergehend die Torsionskraft im Bereich des Übergangs, die auf die Suprastruktur wirkt, entsprechend größer (Abb. 5).

Die reduzierte Okklusion nach Gerber

Zur Eliminierung der destabilisierenden Kräfte dient in der Totalprothetik seit über 50 Jahren die bukkal reduzierte Okklusion nach Gerber. Aufgrund der derart gestalteten Kauflächen verlagert sich der Belastungspunkt nach lingual, sodass der Kraftvektor aus diesem Grund annähernd verti­kal ausgerichtet ist (Abb. 6 und 7). Die bukkale Entlastung mit dem Ziel einer stabilen Okklusion ist umso wirkungsvoller, je größer der Abstand zwischen den bukkalen Höckern ist. In der Totalprothetik sollte dieser mindestens 2 mm betragen. Bei sehr guten Kieferkammverhältnissen mit genügend und serösem Saliva (Speichel) sind bukkale Höckerkontakte zulässig, solange die obere Prothese nicht kippt (Watterollentest).

Die kammorientierte Okklusion nach Bosshart

Gezielte Änderungen des Kauflächenreliefs erlauben, bei einseitiger Belastung, eine weitere Verbesserung der Kaustabilität. Großflächige Facetten mit großflächigem und sattem Kontakt (Balancefacetten) bewirken eine positive Kraftrichtung nach cranio-oral (Abb. 8 und 9). Auch die Zentralfissur ist nach lingual verschoben (Abb. 10). Das führt zu einer weiteren Stabilisierung der Kraftrichtung nach cranio-oral. Die lingualen Kontakte sind nur punktförmig gestaltet, um möglichst keine negativ wirkenden Kräfte entstehen zu lassen. Allerdings sollen sie die transversale kraftneutrale Zentrik sichern. Der bukkale Höcker des oberen Molaren ist reduziert, so wie bei den Zähnen nach Prof. Dr. Albert Gerber. Die Statik einer oberen, nach der kammorientierten Okklusion auf- und fertiggestellten Prothese ist gut; sie kippt trotz einseitiger Belastung nicht (Abb. 11). Die stark ausgebuchteten bukkalen Bereiche der Molaren erlauben einen guten Wangenkontakt und erhalten den ästhetisch wichtigen Bukkalkorridor. Das verhindert das Hoch- oder Herunterrutschen von Kaugut bis unter die Prothesenbasis. Der vestibuläre Kontakt wirkt stabilisierend auf die Prothese und neutralisiert den Zungendruck (muskuläres Gleichgewicht). Zudem ist die Gefahr, dass man sich in die Wange beißt, deutlich reduziert.

Lesen Sie auch: Totalprothetische OK-UK-Rehabilitation nach dem Gerber-Konzept
Teil 1: Dento-orale Ästhetik: Totalprothetische OK-UK-Rehabilitation nach dem Gerber-Konzept
Teil 2: Gerber-Konzept: Patienten Kaufunktion, Gesichtsproportion und dento-orale Ästhetik zurückgeben

Implantatprothetikfälle nach Bosshart

Auch bei implantatgestützten Restaurationen bewirkt die Okklusionsform nach Bosshart [4] aufgrund der gezielten Neigung des Kraftvektors nach cranio-oral eine bessere Belastungsrichtung. Die Kraft wirkt senkrecht in ­Implantatachsrichtung (Abb. 12).

Abbildung 05 bis 12

Fazit

Moderne Verfahren ermöglichen eine viel präzisere Herstellung künstlicher Zähne. Das sorgt wiederum für eine bessere Gestaltung der Okklusalflächen – entsprechend den Anforderungen an modernen Zahnersatz, zum Beispiel bei implantatgestützten Versorgungen. In der Totalprothetik kann schneller eine bessere Stabilität, insbesondere der oberen Prothesen, realisiert werden. Das Prinzip der kammorientierten Okklusion nach Bosshart ist bereits in die computergesteuerte Herstellung der künstlichen Prothesenzähne eingeflossen und wurde mit Erfolg in ersten Versuchsphasen eingesetzt. Was bedeutet das für die Zahntechnik? Die statisch-dynamischen Grundlagen, wie sie schon bei Gysi, Hiltebrandt, Payne und zuletzt bei Gerber gelehrt und gelernt wurden, behalten auch für zukünftige Fertigungstechniken ihre Gültigkeit.

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