CAD/CAM

Im Gespräch mit Ztm. Clemens Schwerin, Betriebswirt HwO

Eigen- oder Fremdfertigung?

Ein Beitrag von Betriebswirt HwO Ztm. Clemens Schwerin

Themen:  CAD/CAM, Diverses

Mit dem digitalen Fortschritt und den verschiedensten neuen Systemen im CAD/CAM-Bereich stellt sich die Frage, ab wann eine Eigenfertigung aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht in Frage kommt. Betriebswirt HwO Clemens Schwerin beschäftigte sich in seiner Abschlussprüfung exemplarisch mit einem zahntechnischen Labor in Mitteldeutschland, das in Zukunft CAD/CAM-gestützt gefertigten Zahnersatz anbieten möchte.

 

 

Ztm. Clemens Schwerin prüfte für ein mittelständisches zahntechnisches Labor, ob bei der bestehenden Laborgröße Eigenfertigung oder Fremdfertigung bei einem Kooperations­partner wirtschaftlich sinnvoll ist. Hierzu holte er Angebote für Fräsmaschinen ein und deckte die vielfältigen Produktionskosten auf. Mit seinem „Kostenvoranschlag“ wird es möglich, schnell und betriebsspezifisch zu erkennen, ab welcher Produktionsmenge in Einheiten sich eine Investition als betriebswirtschaftlich sinnvoll erweist. Wir sprachen mit Ztm. Clemens Schwerin um zu erfahren, wie dieser Rechenweg funktioniert und was man bei einer solchen Rechnung für sein eigenes Labor beachten muss.

 

Hallo Herr Schwerin. Herzlichen Glückwunsch zu ihrem gelungenen Vortrag auf der 47. Jahrestagung der ADT. In ihrem Vortrag erklärten sie den Rechen­weg ihrer Abschlussprüfung. In welche Teilschritte lässt sich ihre Wirtschaftlichkeitsberechnung für das Beispiellabor einteilen?

Clemens Schwerin: Meiner Meinung nach sollte grundsätzlich bei Investitionsentscheidungen zuallererst einmal analysiert werden, wie es um das abzusehende Produktionsvolumen bestellt ist. In einem zweiten Schritt folgt dann die Überlegung, was für eine Fräsmaschine zu der analysierten Produktionsmenge passt. Auch die Frage der Vor- und Nachteile von Eigen- und Fremdfertigung, also der individuellen Fertigungsphilosophie gehören hierbei geklärt. Im dritten Schritt kalkulieret man dann für die eingeholten Angebote die Herstellungskosten pro Einheit sowie deren Abhängigkeit vom Produktionsvolumen. Abschließend beurteilt man dann, ab welcher Anzahl an Einheiten sich die Eigenfertigung aus betriebswirtschaftlicher Sicht für das Labor lohnt (Abb. 1).

01 Im diesem Interview zum Thema „Make or Buy?, Entscheidungsgrundlagen der Eigen- oder Fremdfertigung“ geht

Ztm. Clemens Schwerin auf seine in vier Schritte aufgeteilte Prüfung der Wirtschaftlichkeit von In- oder Outhouse-Produktionen ein.

Welche Eigenschaften besitzt das Beispiellabor und inwiefern weichen die Kosten zu einem anderen Labor ab?

Schwerin: Man vergleicht sich hier mit einem mitteldeutschen Labor mittlerer Größe (Abb. 2). Im Umgang mit einer offenen CAD-Lösung ist es im Bereich Kronen- und Brückenkonstruktion eingespielt. Dank der bestehenden offene Schnittstelle ist das Labor frei in der Entscheidung, die konstruierten Einheiten an einen Kooperationspartner zur Fremdfertigung zu übermitteln oder eine Eigenfertigung einzuführen. Wenn ein anderes Labbor also Angebote für Fräsmaschinen einholen möchte, dann werden sich die fixen Kosten kaum unterscheiden. Die wohl größten Unterschiede werden im Vergleich mit den zusammengetragenen variablen Kosten auftreten, da die Preise für das Material stark von der verbrauchten Menge, dem gewählten Anbieter und davon abhängen, wieviele Einheiten mit einem Fräsersatz in einem Blank im Durchschnitt erfolgreich gefertigt werden können.

02 Am Beispiel eines zahntechnischen Labors in Mitteldeutschland stellt Ztm. Clemens Schwerin die Rechnung zur Kostenübersicht an, die bei Anwendung der individuellen Kennzahlen auch für das eigene Labor angewendet werden kann.

In der Abbildung 3 lässt sich die gestiegene Nachfrage nach CAD/CAM-gestützt gefertigtem Zahnersatz deutlich erkennen. Welche Angebote konnten sie für das Labor einholen?

Schwerin: Da beinahe jeder Hersteller mittlerweile eine Fräsmaschine im Angebot hat, brauchte es für eine bessere Übersicht erst einmal eine Einteilung der populärsten Maschinen in vergleichbare Gruppen (Abb. 4). Gruppe 1: Kompaktfräsmaschinen (zirka 100 kg), Gruppe 2: Standfräsmaschinen (zirka 1000 kg) und Industriemaschinen (über 1000 kg). Aus diesen Gruppen habe ich stellvertretend folgende Angebote eingeholt: über eine „M1 Heavy Wet“ der Firma Zirkonzahn (Gais, Italien), sowie eine „D5“ der Firma Datron (Mühltal, Deutschland). Aufgrund der gemeinsamen Vorraussetzungen, wie etwa simultanes Fräsen mit fünf Achsen, Metallspindel, Wasserkühlung, einer Abweichung von unter 20 µm und 6 mm Fräswerkzeugen, konnten die beiden Angebote fair verglichen werden. Auf Seiten der Fremdfertiger wurden die Angebote zweier regionaler Kooperationspartner mit gutem Preis-LeistungsVerhältnis eingeholt. Als Material wurde ZrO2 sowie CoCr angefragt, wobei letzteres Material einmal subtraktiv gefertigt, sowie in additiver Fertigungstechnologie hergestellt werden sollte. (Abb. 5).

03 In den letzten vier Jahren lässt sich eine deutlich anstiegene Nachfrage nach CAD/CAM-gestützt gefertigtem Zahnersatz erkennen. Wichtig für eine aussagekräftige jährliche Kalkulation sind die „produktiven Arbeitstage“, die mit 212 veranschlagt werden.

04 Für die Erstbetrachtung teilte Clemens Schwerin eine Auswahl von Fräsmaschinen in drei Gruppen ein: Kompaktfräsmaschinen mit zirka 100 Kilogramm Gewicht, Standfräsmaschinen mit etwa einer Tonne Gewicht und Industriefräsmaschinen.

05 Stellvertretend aus den vorausgewählten Gruppen holte Clemens Schwerin Angebote für eine „M1 Heavy Wet“ der Firma Zirkonzahn, eine „D5“ der Firma Datron und auf Seiten der Fremdfertiger die Angebote zweier regionaler Kooperationspartner ein.

Welche Vorteile beziehungsweise Nachteile hat die Eigen- gegenüber der Fremdfertigung?

Schwerin: Im Vorfeld des Vortrages auf der ADT in Nürtingen fand auch ein Workshop zu dem Thema statt. Gemeinsam mit den Teilnehmern konnte ich erneut feststellen, dass sich bei dieser Fragestellung tatsächlich zwei starke Fraktionen bilden. Auf der einen Seite wird erklärt, wie wichtig es ist, die gesamte Produktion aus einer Hand, im eigenen hoch innovativ wirkenden Labor anzubieten. Mit entsprechend fundierten Wissen wird hier ein individuell gestaltetes Produkt hergestellt, mit dem sich der Zahntechniker identifiziert. Auf der Seite der Fremdfertiger finden sich die konservativeren Laborinhaber wieder, die sich auf ihre Kernkompetenz berufen und auf die hohen Anforderungen an eine eigene Fertigung verweisen. Beispielsweise den benötigten Maschinenbediener, die hohen Kosten der Lagerhaltung sowie der Wartung. Zur Beantwortung der Frage muss also neben der betriebswirtschaftlichen Sichtweise auch die Philosophie und Ausrichtung eines Labors mit in Betracht gezogen werden (Abb. 6).

06 Trotz der attraktiven Vorteile der Eigenfertigung darf die Wirtschaftlichkeit in Bezug auf Zeit, Personal und laufende Kosten der In-house-Produktion nicht unterschätzt werden. Einen der größten Posten stellen die laufenden Kosten dar.

Ihre Kalkulation der Herstellungskosten der Eigenfertigung empfiehlt bei Zirkonoxid (Abb. 7) ab sechs Einheiten pro Tag und bei Cobalt-Chrom (Abb. 8) ab zwölf Einheiten pro Tag eine Eigenfertigung. Was heißt das nun für den konkreten Fall des Beispiel-Labors?

Schwerin: Die Ausgangsfrage des analysierten Labors war es, zu klären, wann der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel und die damit verbundene Investition in eine Eigenfertigung aus betriebswirtschaftlichen Gründen sinnvoll ist. In der Beurteilung können wir zusammenfassen: Das Labor ist gut beraten, mit der bestehenden Fremdfertigung fortzufahren, da die produzierten Einheiten aus Zirkonoxid noch nicht ausreichen würden, um eine kosteneffiziente Eigenfertigung zu betreiben. Erst wenn es in Zukunft absehbar sein wird, dass die eigenen Produktionskosten im Vergleich zur Fremdfertigung geringer ausfallen würden, wäre für das Labor eine Investition in eine Kompaktfräsmaschine aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll. Bei der Fertigung von Einheiten aus CoCr können wir einen Technologiefortschritt feststellen, der eine günstigere Eigenfertigung beinahe unmöglich macht. Eine Fremdfertigung ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht für die hier verglichene Indikation reduzierter Gerüste absolut konkurrenzlos.

07 Die Kalkulationsrechnung für das Beispiel-Labor ergibt, dass eine Eigenfertigung erst ab sechs ZrO2-Einheiten pro Tag betriebswirtschaftlich sinnvoll ist und es sich ab elf Einheiten pro Tag lohnt, eine Stand- anstatt einer Kompaktfräsmaschine anzuschaffen.

08 Aufgrund der niedrigen Produktionskosten in Zusammenarbeit mit dem Fremdfertigungsdienstleister benötigt es mindestens zwölf CoCr-Einheiten pro Tag, um eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Eigenfertigung zu betreiben.

Haben Sie noch weitere Tipps, die Sie einem investitionsfreudigen Labor geben würden?

Schwerin: Jedes Labor sollte individuell nachrechnen – und zwar für alle Indikationen und Materialien, die man in seinem Labor anbieten möchte. Die hier vorgelegten Zahlen sollen dazu ermutigen, die eigenen Kosten in ihrer Komplexität besser kennenzulernen. Erst nach der genauen Analyse wird man feststellen können, an welchen Stellen man hohen Kosten begegnet, wie man diese bestenfalls optimieren könnte, und welche Kosten man letztendlich weitergeben muss, um gewinnbringend zu arbeiten. Der Lohn dieser Kalkulation wird es sein, dass man die eigene Kennzahlen besser greifen und somit der Erfolgskontrolle am Ende des Jahres beruhigt begegnen kann.

 

Lieber Herr Schwerin, vielen Dank für das aufschlussreiche Interview. Anhand der zwei im Artikel enthaltenen Tabellen kann der Rechenweg für das Musterlabor nachvollzogen und individuell für das eigene Labor überarbeitet werden.

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