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Zahngipfel Allgäu: 11. Vollkeramik-Symposium in Kempten im Allgäu

Dentale Fortbildung mit Urlaubsflair

Ein Beitrag von Dan Krammer

Themen:  Diverses, Diverses

Ein dentales Fortbildungsevent dort, wo andere Leute Urlaub machen. Oder besser: an einer dentalen Fortbildung teilnehmen und danach direkt in den Urlaub im Allgäu starten – ohne weite Weiterreise. Was hier fast unglaublich klingt wurde Ende März 2018, also kurz vor Ostern Wirklichkeit. Denn Veranstalter Udo Kreibich hatte zum 11. Mal in das alte Kornhaus nach Kempten im Allgäu eingeladen. Zum Zahngipfel Allgäu. Diese dentale Fortbildungsveranstaltung zeichnet sich durch die gelungene Mischung aus familiärer, ja fast entschleunigter Atmosphäre, und hochkarätigen Fachvorträgen und Referenten aus. 230 Teilnehmer waren dieser verlockenden Mischung gefolgt und erlebten bei Kaiser­wetter einen abwechslungsreichen Fortbildungstag.

 

 

Der 23. März war ein herrlicher Tag. Ein Tag mit wolkenlosem, strahlend blauem Himmel, der einen schon in der Früh mit milden Temperaturen begrüßte. An diesem Tag fand der Zahngipfel Allgäu statt – zum 11. Mal. Die Workshops, die am vorangegangen Tag stattgefunden hatten, waren gut besucht, die Stimmung unter den Beteiligten dementsprechend gut. Beste Voraussetzungen also für den einen unvergesslichen 11. Zahngipfel Allgäu im schönen Kempten.

Diese Stimmung fand sich dann auch in der Eröffnungsrede von Ztm. Udo Kreibich wieder, dem Initiator und Veranstalter des Zahngipfels. Er begrüßte die 230 Teilnehmer als Freude und zeigte sich stolz und dankbar, dass ihm so viele der Teilnehmer vom Beginn des Zahngipfels die Treue hielten. So auch ­Elisabeth Brunner aus Innsbruck und Karl-Heinz Mack aus Maintal, die beide bereits seit dem 1. Zahngipfel mit dabei sind. Aus diesem Grund bat Udo Kreibich die beiden stellvertretend für all die anderen treuen Kongressteilnehmer auf die Bühne und bedanke sich mit einem original Allgäuer Käse-­Präsent. Die beiden Geehrten zeigten sich sichtlich überrascht und wortwörtlich sprachlos von dieser netten Geste, sodass Udo Kreibich die beiden auch wieder schnell von der Bühne entließ und den Kongress eröffnete. Zuvor bedankte er sich jedoch noch bei der beteiligten Dentalindustrie und dem Medienpartner teamwork media GmbH für die Unterstützung.

Besonderer Auftakt beim 11. Zahngipfel im Allgäu. Der Veranstalter, Ztm. Udo Kreibich (Mitte), überraschte zwei langjährige Teilnehmer und bedankte sich für deren Treue: Elisabeth Brunner aus Innsbruck und Karl-Heinz Mack aus Maintal 

Allerdings regte Udo Kreibich auch ein etwas nachdenklicheres Thema an, da es aus seiner Sicht immer schwieriger wird, den Zuspruch zu bekommen, den es für eine Kosten­deckung derartiger Veranstaltungen bräuchte. Somit stellte sich Kreibich den Anwesenden für Gespräche zur ­Verfügung, um zu erfahren, was eine moderne Fortbildungsveranstaltung heute leisten muss, um sich zum Beispiel gegen den größten Konkurrenten, die „Freizeit“ behaupten zu können. Kreibich: „Ist eine Anpassung des Fortbildungswesens in der Zahnmedizin und in der Zahntechnik an die modernen, sich veränderten Arbeitswelten und zukünftigen Generationen unumgänglich? Wir haben immer mehr sich verändernde Arbeitswelten. Krankheitsbilder zu Arbeitsausfällen verändern sich drastisch.“ Es gilt also herauszufinden, was der ­Zahngipfel 2019 erfüllen muss, um diesen geänderten Ansprüchen gerecht zu werden.

Daraufhin übergab er das Wort an die beiden Chairmen, Dr. Urs Brodbeck und Prof. Dr. ­Daniel Edelhoff. Wobei Prof. ­Edelhoff für seine zehnjährige Chairman-Tätigkeit das Stück Käse, welches ihm im Jahr 2017 noch vorenthalten wurde, überreicht bekam.

Die beiden Moderatoren fackelten nicht lange und kündigten den ersten Referenten des Tages an. Dr. Frank-M. Maier, MSc., widmete sich in seinem Vortrag dem xenogenem Knochenersatzmaterial und beleuchtete die Möglichkeiten und Grenzen dieses aus Tierknochen gewonnenen Ersatzmaterials. Hierzu trug Dr. Maier die aus der aktuellen Literatur gewonnen Erkenntnisse zusammen, die er in einer Übersicht zusammenführte, die die Materialien hinsichtlich ihres Einsatzbereichs und des Patientenwunsches bewertete. Demnach sind xenogene Knochenersatzmaterialien immer dann indiziert, wenn nach Einbringung desselben sechs Monate gewartet werden kann und kleinere Defekte korrigiert werden müssen. Zudem ist das Material nur zum Aufbau von Defekten geeignet (auch für Sinuslift), die sich innerhalb der Kontur befinden, und eine gesteuerte Geweberegeneration betrieben wird (GTR = Guided Tissue Regeneration).

Den würdigen Rahmen für den 11. Zahngipfel Allgäu bildete auch 2018 wieder das alte Kornhaus in Kempten. Mit 230 Teilnehmern war die Veranstaltung gut gebucht. Dennoch ließ Ztm. Udo Kreibich anklingen, dass jedes Konzept einmal überdacht werden sollte

Die beiden Chairmen (li.) und der Veranstalter (re.) mit den beiden Gipfelstürmern: Dr. Ingo Frank und Ramona Hench

Auch 2018 erhielten die beiden Gipfelstürmer eine liebevoll gestaltete Auszeichnung, made by Udo Kreibich

Hiernach beleuchtete Dr. Frederic Hermann, MSc., aus werkstoffkundlicher Sicht, wann vollkeramische Implantate indiziert sind. ­Zudem ging er auf deren Einfluss auf die periimplantären Gewebe ein. Am Ende seines Vortrags bescheinigte er den Keramikimplantaten eine exzellente Biokompatibilität und somit gute Gewebeintegration. Allerdings ist die korrekte Indikationsstellung und Handhabung vorausgesetzt, da ansonsten die hohen Erfolgsraten nicht garantiert werden können.

Dr. Christoph Hesse ging aus Sicht eines niedergelassenen Zahnarztes ebenfalls der Frage nach, ob Keramikimplantate das halten, was sie versprechen. Sein Fazit aus der Praxis lautete, dass man bei Keramikimplantaten nicht von einem besser oder schlechter als Titan-Implantaten sprechen kann. Vielmehr sieht er den Vorteil der Keramikimplantate darin, dass er damit sein Portfolio erweitern und viel mehr Patientenwünschen gerecht werden kann.

Nach diesem Vortrag aus der zahnärztlichen Praxis übernahm eine junge Zahntechnikerin die Bühne: Ramona Hench. Die Gipfelstürmerin – so nennt Udo Kreibich junge Talente, die ihr Vortragsdebüt auf der Zahngipfel-­Bühne geben – ließ die Teilnehmer daran teilhaben, wie sie bei implantatprothetischen Versorgungen fehlendes Zahnfleisch kompensiert. Souverän zeigte die dreißigjährige anhand eines von ihr zahntechnisch gelösten Patientenfalls, wie sie die fehlende Papille zwischen dem natürlichen Zahn 21 und der Implantatkrone in regio 22 kompensierte. Hierzu brachte sie mesial mit Zahnfleischmassen eine künstliche Papille an.

Ztm. Vincent Fehmer, Dr. Burkhart Zuch, Prof. Dr. Daniel Edelhoff, Dr. Urs Brodbeck, Ramona Hench, Dipl.-Ing. Marcel Schweiger,

Dr. Ingo Frank, Dr. Frank-M. Maier, Ztm. Jockel Lotz, Ztm. Udo Kreibich, Dr. Harald Streit und Ztm. Thomas Walther (v.li.)

Einem provokanten Thema widmete sich der holländische Prof. Dr. Curd Bollen, MSc. Er ging in seinem Vortrag der Halitosis (Mundgeruch) und möglichen Korrelationen mit implantatprothetischem Zahnersatz auf den Grund. Prof. Bollen zufolge lassen sich nur etwa 0,01 Prozent der Halitosis auf den Magen schieben. Dabei ging es ihm nicht darum, die dentale Implantologie unter Generalverdacht zu stellen. Vielmehr wollte Prof. Bollen seine Kollegen dafür sensibilisieren, dass Mundgeruch ein Zeichen für bakterielle Besiedelungen und somit eine Gefahrenquelle für entzündliche Prozesse sein kann. Ein Alarmsignal also, dass es zu beachten gilt, um schlimmere Komplikationen zu vermeiden.

Danach trat Dr. Sven Mühlemann an, um den digitalen Workflow zu beleuchten. In seinem Vortrag zeigte er den Weg von der digitalen Abformung bis hin zur monolithischen Zirkonoxid-Versorgung auf. Dabei stellte er die besseren mechanischen Eigenschaften des Materials Zirkonoxid heraus und leitete Vorteile bezüglich der Restaurations-Art und des Designs ab. Demnach erlaubt das Material aufgrund seiner Festigkeit dünnere Wandstärken und somit minimalere Präparationen und die wirtschaftlichere Fertigung im Labor. Ztm. Hans Jürgen Lange stellte die Kunststoff-infiltrierte Keramik (Hybridkeramik) ­Vita ­Enamic und deren Einsatzspektrum in seinem Labor vor. Dabei überraschte er mit den vielfältigen Indikationen, für die das Material bei ihm im Labor zum Einsatz kommt. Als bemerkenswerte Eigenschaften nannte Lange das Dentin-ähnliche E-Modul, die vereinfachte Verarbeitung, da keine Brennöfen oder ähnliches nötig sind, sowie die schnellen Schleifzeiten und präzisen Schleifergebnisse.

Beim Zahngipfel im Allgäu wird kein Käse erzählt, sondern ihm kommt eine wichtige Rolle als Geschenk zu. 2017 hatte Prof. Dr. Daniel Edelhoff (Mitte) zum 9-jährigen Chairman-Jubiläum einen angeschnittenen Käse erhalten. Im Jahr 2018 erhielt er das fehlende Stück 

Der Diplomingenieur Marcel Schweiger ging der Frage nach, welches Material das bessere ist: Glaskeramik oder Zirkonoxid. Anhand des Material-Portfolios der Ivoclar Vivadent konnte er aufzeigen, dass die Materialwahl von mehreren Faktoren abhängt; unter anderem von dem bevorzugten Workflow und der klinischen Indikation. Somit konnte er die Eingangsfrage folgendermaßen beantworten: Es gibt kein entweder oder, sondern ein sowohl als auch.

„Optimum ex duobus mundis“, also das Beste aus zwei Welten war Gegenstand des Vortrags von Ztm. Thomas Walther. ­Darin zeigte er wie sich durch die konsequente Nutzung der Komponenten des Zirkonzahn CAD/CAM-Systems patientengerechter Zahnersatz herstellen lässt. Dabei sind es weniger die digitalen Komponenten, die die Stärken des Systems auszeichnen, als die darin implementierten Systematiken wie etwa das Plane System von Udo Plaster. Mit diesen wird es dem Zahnarzt-Zahntechniker-Gespann zusammen mit den Vorzügen der CAD/CAM-Technologien ermöglicht, den Pfad der Willkür zu verlassen.

Wie die 3D-Technologien innovative Wege für Einzelzahnersatz in der ästhetischen Zone weisen, das war Gegenstand des Vortrags von Dr. Burkhart Zuch, MSc., MSc. Dabei zeigte er den innovativen Ansatz des Replicate-Implantat-Konzepts auf. Ein Konzept, bei dem der zu extrahierende Zahn mitsamt seiner CAD/CAM-gestützt Wurzel kopiert wird und dieses Replikat dann direkt nach der Extraktion in die Alveole eingeklopft wird. Dieser Ansatz ist nicht neu, zeigt aber seine Vorteile erst seitdem die Digitalisierung den derzeitigen Stand erreicht hat.

Mit einem Zitat von Nobert Wiener begann Ztm. Hans-Joachim Lotz seinen Vortrag über die Digitalisierung des Handwerks: „Ich will nicht sagen, es sei unmöglich der Maschine intuitive Fähigkeiten zu geben, doch wer es einfach unwirtschaftlich, sie auf etwas anzusetzen, was der Mensch viel besser kann.“ Besser lässt sich die Angst der ­Zahntechniker vor Verdrängung nicht nehmen, denn „­Jockel“ Lotz – in begeisterter Zahntechniker, der selbst nur noch fräsen lässt – setzte noch eine wichtige und kluge Aussage drauf. Demnach werden Zahntechniker schon deshalb nicht wie die Weber, Gerber und Setzer ersetzt, weil sie es nicht mit einem toten Produkt, sondern mit Patienten zu tun haben. Ein emotionaler und rundum gelungener Vortrag von „Jockel“.

Im Anschluss lieferte Dr. Urs Brodbeck, der hierfür die Rolle des Chairman gegen die des Referenten eintauschte – ein Follow-up seiner klinischen Erfahrungen mit vollkeramischen Restaurationen. Dabei zeigte er auf, dass sich eine experimentelle Technik – auch dank all der mutigen Anwender und Grenzgänger – zum Stand der Technik entwickelt hat. Dr. Brodbeck zufolge gilt für ­vollkeramische Versorgungen gestern wie heute, dass man weiß, wie man es richtig angeht und man gewillt ist, sich zu verändern und weiter zu entwickeln.

Auf diesen emotionalen und durchaus provokanten Vortrag von Dr. Brodbeck folgte der zweite Gipfelstürmer des Tages: Dr. Ingo Frank begeisterte in seinem Kurzvortrag für die dentale Fotografie. Dabei zeigte er, dass die Fotodokumentation auch aus forensischen Gründen zum Standard in der Praxis gehören sollte. Insbesondere dann, wenn keine Röntgenbilder vorhanden sind. Dr. Frank insistierte aber auch, dass die Fotografie immer in eine Hand gehört.

Auch die teamwork media GmbH war beim 11. Zahngipfel Allgäu mit einem Stand und Linda Budell vertreten. Die studierte Medien- und Eventmanagerin war vor Ort, um einen Eindruck vom Zahngipfel Allgäu zu gewinnen und die Produkte des Verlags vorzustellen

Auch Ztm. Vincent Fehmer widmete sich dem Thema Fotografie, allerdings einer Art Fotografie 2.0. Denn an der Klinik für festsitzende Prothetik und Biomaterialien der Universität Genf – dort arbeitet Fehmer als Zahntechniker – war er zusammen mit einem Team an der Entwicklung einer Kamera-Lösung für Augmented Reality (AR), also die Ergänzung von Bildern oder Videos durch computergenerierte Zusatzinformationen oder virtuelle Objekten mittels Einblendung. Der Forschungsgruppe um Fehmer ist dies mit handelsüblichen Smartphones und einer entsprechenden App sehr eindrucksvoll gelungen. Somit sind in Zukunft virtuelle Mock-ups am Smartphone möglich.

Dr. Harald Streit stellte ein modernes, interdisziplinäres Behandlungskonzept. Demnach fordern patientenorientierte Behandlungskonzepte systemische Herangehensweisen. Dr. Streit stellte hierzu das Bewertungs­schema der Praxisgemeinschaft „dentaMedic“ vor, mit welchem im Sinne einer ­Fallsynopse ausgehend von einem Risikoprofil, eine ­Prognose abgegeben und darauf aufbauend die Behandlungsoptionen abgeleitet werden. So fordert Dr. Streit eine synoptische Behandlung, die auch die orthopädische, respiratorische sowie die molekulare und immunologische Zahnmedizin abdeckt.

Prof. Dr. Daniel Edelhoff gebührte die Ehre des letzten Vortrags. Prof. Edelhoff stellte in seinem besonderen Vortrag den Menschen in den Mittelpunkt. Denn an jedem Zahn hängt auch ein Mensch. Und so zeigte er ausgehend von diesem Aphorismus, dass wir berufsbedingt oft das wesentliche aus den Augen verlieren. Denn auch der neueste Stand der Technik hilft nichts, wenn wir dem Patienten nicht die nötige Aufmerksamkeit und den ihm angemessenen Respekt entgegen bringen. Damit lieferte Prof. Edelhoff einen tollen Vortrag, der eigentlich zwingend für die zahnmedizinische und zahntechnische Ausbildung sein sollte.

Und somit neigte sich ein intensiver Kongresstag dem Ende. Ein Tag voll guter Impulse, innovativer Ansätze aber auch klassischem Wissen. Udo Kreibich und sein Team können stolz auf sich sein. Sie haben ein familiäres Dentalevent geschaffen, dass zu einer Marke geworden ist. So auch das obligatorische Käsegeschenk, ohne das Udo Kreibich auch seine beiden Chairmen nicht gehen lassen wollte.

Lediglich einen klitzekleinen Kritikpunkt gibt es. Nämlich weniger ist manchmal mehr. Und so hätte es der Veranstaltung nicht geschadet, wenn weniger Referenten gesprochen hätten. Die Redezeit von 20 Minuten ist dagegen gut gewählt. Doch das ist sicherlich eine Anmerkung, die Udo Kreibich längst für seinen Zahngipfel 2019 vorgesehen hat.

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