Funktion

Beste Dokumentation des 9. Internationalen Wettbewerbs um den Okklusalen Kompass 2017

Der Okklusale Kompass 2017

Ein Beitrag von Yvonne Pfeiffer und BJörn Pfeiffer

Themen:  Funktion, Ästhetik, Keramik, Verblendung, Diverses

Am 16. September 2017 wurden die Plätze 1 bis 3 des 9. Internationalen Wettbewerbs um den Okklusalen Kompass 2017 bekanntgegeben. Den Rahmen bildete das 18. colloquium dental in Nürnberg. Dort wurden im Hauptprogramm die Gewinner geehrt und dem Publikum vorgestellt. In der letzten Ausgabe der dental dialogue haben wir über die Jurysitzung und Preisverleihung berichtet und auch auf die Sieger der besten Dokumentation hingewiesen. Nachfolgend finden Sie die beste Dokumentation des Jahres 2017.

 

 

Der Preis für die beste Dokumentation wird unabhängig von der Platzierung beim Wettbewerb von der Fachredaktion der dental dialogue vergeben – orientiert sich also nicht an der Bewertung der Jury. Als Preis winkt die Veröffentlichung der Wettbewerbsdokumentation. Denn wir sind der Meinung, dass eine gut gegliederte Dokumentation zu schade ist, um in einer digitalen Schublade zu verstauben. Somit präsentieren wir unseren geschätzten Lesern hiermit die beste Dokumentation, die – nebenbei erwähnt – auch nur ganz knapp eine Platzierung unter den besten Fünf verpasst hat. Sie stammt aus der Feder von Yvonne Pfeiffer (ehemals Vogt) und Ztm. Björn Pfeiffer von der Rauschelbach Zahntechnik. Bewusst möchten wir dieses Mal darauf verzichten, irgend­etwas zu kommen­tieren oder zu ergänzen. Vielmehr bildet der nachfolgende Beitrag die Dokumentation so ab, wie sie eingereicht wurde. Einziger Unterschied: Die Texte wurden minimal redigiert und das Layout wurde an unser Journal angepasst.

 

Wissenswertes

Die Modelle der Ausgangssituation wurden nach dem Bonwill-Dreieck einartikuliert. Die gleiche mittelwertige Position wurde für die Präparationsmodelle mithilfe des mitgelieferten Silikonschlüssels übernommen. Am Artikulator wurden der Aufgabenstellung entsprechend folgende Werte eingestellt:

 

- Gelenkbahnneigung beidseitig 35°- Benett-Winkel beidseitig 7°- Immediate Side Shift 0,5 mm 

 

Die Bisshöhe wurde unter Verwendung des mitgelieferten und entsprechend zurückgeschnittenen Registrats um einen Millimeter angehoben. Da aus der Aufgabenstellung hervorging, dass ausschließlich die verloren gegangene Zahnsubstanz wieder ergänzt werden sollte, hatte sich eine Bisshebung um einen Millimeter als zutreffend erwiesen. Auffällig wurde dies palatinal im Bereich der supragingivalen Präparationsgrenzen der oberen Inzisiven. Hier gingen die Zähne und die Dreiviertel-Kronen fließend ineinander über (siehe Abb. 41).

01 Das Unterkiefermodell der Ausgangssituation wurde anhand des Bonwill-Dreiecks ausgerichtet. Das heißt, die Eckpunkte des Dreiecks werden vom Unterkiefer-Inzisalpunkt (Kontaktpunkt der unteren mittleren Schneidezähne 31 und 41) und den Mittelpunkten der beiden Kondylen gebildet. Der Artikulator ist hierfür mit Kerben für das Gummiband ausgestattet

02 Das Oberkiefermodell wurde nach dem mittelwertig mit einer entsprechenden Menge Knetmasse ausgerichteten Unterkiefer einartikuliert

03 Die fertig einartikulierten Modelle der Ausgangssituation. Diese Situation diente der Analyse des Ist-Zustands und als Planungsgrundlage für alle weiteren Schritte

04 - 06 Analyse der Ausgangssituation: Die Zähne wurden bezüglich ihrer Führungswinkel und Fehlfunktionen kontrolliert

07 & 08 Analyse der Protrusion: Bei beidseitig gleichmäßiger Protrusion übernehmen die Inzisiven einen sehr steilen Führungswinkel von 70°. Die Seitenzähne diskludieren ordnungsgemäß

09 & 10 Analyse der Laterotrusion rechts: Zahn 13 sowie die Scherhöcker der Zähne 14 bis 16 übernehmen eine Führung mit einem zu flachem Winkel von 35°. Zahn 17 führt mit seinem mesio-palatinalen Stampfhöcker

11 & 12 Analyse der Laterotrusion links: Zahn 23 sowie die Scherhöcker der Zähne 14 bis 17 übernehmen eine Gruppenführung mit einem ebenfalls sehr flachen Winkel von 32°

13 & 14 Es wurde ein Silikonschlüssel angefertigt, der das unpräparierte Oberkiefermodell über die Okklusalflächen der zweiten Molaren und die Palatinalflächen der mittleren Inzisiven abstützt. Dadurch konnte der mittelwertig einartikulierte Oberkiefer verschlüsselt werden

15 & 16 Über den Weg der Duplierung wurden die präparierten Modelle reproduziert und in Zeiser-Modelle überführt. Somit erhielten wir Arbeitsmodelle, anhand derer die Naturgemäße Aufwachstechnik erfolgen konnte

17 Mit dem Silikonschlüssel, der zuvor auf Basis des Oberkiefermodells der Ausganssituation angefertigt wurde, konnte nun das Oberkiefer-Zeiser-Modell mittelwertig übertragen werden. Dies ist möglich, da der Silikonschlüssel über die unpräparierten OK 7er und die Palatinalflächen der Zähne 11 und 12 referenziert wird

18 & 19 Anschließend konnte das Unterkiefer-Zeiser-Modell gegen den Oberkiefer einartikuliert werden. Hierfür wurde die mitgelieferte Bissnahme verwendet, die bereits einen Millimeter Bisshebung beinhaltet. Es wurden alle für den Biss nicht relevanten Bereiche weggeschnitten, um Störstellen zu vermeiden

20 & 21 Dies ist der Raum, den es zahntechnisch zu füllen galt. Für die Rekonstruktion wurde im Unterkiefer mit der ­Modellation begonnen

22 - 24 Die Modellation: Unter Beachtung der transversalen und sagittalen Kompensationskurve wurden die Höckerspitzen der adäquaten Länge entsprechend aufgewachst

25 - 28 Modellation der unteren, zweiten Molaren: Da die oberen zweiten Molaren nicht präpariert wurden und neben dem Okklusalen Kompass nach M.H. Polz zusätzlich noch die sequenzielle Okklusion nach Slavicek in Anlehnung zur Rekonstruktion hinzugezogen wurde, konnte mit dem Aufwachsen bei den unteren zweiten Molaren begonnen werden. Hierfür musste der Inzisalteller des Artikulators auf 25° eingestellt werden. Regelmäßiges Abfahren der Seitwärtsbewegungen, der Protrusion und des Immediate Side Shift (ISS) sind ständige „Begleiter“ bei der Modellation

29 - 31 Modellation der ersten Molaren: Auch bei den 6ern wurde genauso vorgegangen wie bei den zweiten Molaren. Unter Zuhilfenahme des Okklusalen Kompasses wurde bei den ersten Molaren eine entsprechende Morphologie erzeugt. Hierfür wurde der inzisale Führungsteller jedoch auf einen Führungswinkel von 30° eingestellt, sodass die ersten Molaren einen um 5° steileren Führungswinkel aufweisen als die zweiten Molaren und somit jegliche Führung für die zweiten Molaren übernehmen

32 - 38 Modellation der zweiten Prämolaren: Die Modellation der 5er folgte statischen sowie dynamischen Gesichtspunkten. Der Inzisalteller wurde auf 35° eingestellt

39 & 40 Für die Modellation der ersten Prämolaren wurde der Inzisalteller auf 40° eingestellt

41 Modellation der Frontzähne: Zunächst wurden die Eckzähne für die Laterotrusion mit einem Winkel von 45° auf Kontakt modelliert. Hierfür wurden Zapfen definiert. Anschließend wurden die Zapfen verbreitert, um zum einen statische Kontaktpunkte herzustellen und zum anderen die distalen Nachbarn bei Laterotrusion angemessen diskludieren zu lassen. Aus der Abbildung geht deutlich hervor, dass eine Bisshebung von einem Millimeter offensichtlich richtig gewählt wurde, um dem Anspruch, ausschließlich die verloren gegangene Zahnsubstanz wiederherzustellen, gerecht zu werden. Die Modellationen und unbeschliffenen Bereiche gehen fließend ineinander über

42 - 46 Für die Modellation der Inzisiven wurde damit begonnen, die untere Hälfte der Palatinalflächen zu komplettieren. Dadurch wurden statische Kontaktpunkte erzielt und den Veneers ausreichend Stabilität bei der Ausführung von Bewegungen während der Modellation gegeben. Der Inzisalteller wurde auf 60° eingestellt und es wurde damit begonnen, die Frontzähne unter Beachtung der dynamischen Okklusion aufzubauen. Zapfen definieren dabei die maximale Länge der Frontzähne bei Protrusion und Latero-Protrusion

47 - 50 Im zweiten und dritten Quadranten lagen Zahn-zu-Zahn-Beziehungen vor. Dies hatte zur Folge, dass die Scherhöcker teilweise eine geringere Länge aufweisen mussten als im ersten oder vierten Quadranten. Dadurch konnten Balancekontakte verhindert werden. Zudem wurden die Höckerabhänge punktuell weniger konvex gestaltet, damit ausreichend Freiräume für die Immediate Side Shift und Retrusionsbewegungen gewährleistet werden konnten. Im ersten und vierten Quadranten fanden wir eine eugnathe Verzahnung vor. Das Kauflächenrelief entsprach daher der Norm

51 - 57 In diesen Abbildungen sind Details der fertig modellierten Teilkronen und 360°-Veneers dargestellt. Auch wenn sich sicher viele fragen, ob das „bunte Wachs“ notwendig ist, so hat sich beim Anfertigen dieser Modellation wieder einmal gezeigt, dass die Systematik, die sich allein schon durch die Anwendung der unterschiedlichen Farben einschleicht, sehr hilfreich ist, um den Überblick nicht zu verlieren

58 Die gesamte Umsetzung in Initial LiSi Press wurde zunächst im Unterkiefer begonnen. Hierfür wurde strikt darauf geachtet, im System zu bleiben, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. Die Wachsoberfläche der angestifteten Teile wurde mit einem Sprühstoß des SR Liquids benetzt. Das SR Liquid war im späteren Verlauf für eine saubere Trennung von Reaktionsschicht und Objekt verantwortlich und erleichterte somit das Ausbetten ohne Flusssäure

59 - 61 Sämtliche Onlays und Teilkronen auf den Prämolaren und Molaren wurden aufgrund der geringen Materialstärke in HT 58 gepresst

62 Wie auf diesem Bild mit schwarz-weißem Hintergrund gut zu erkennen ist, kann mit der Wahl dieser Ingots ein guter „Chamäleon-Effekt“ erzielt werden

63 Die Kronenränder wurden mit Gummipolierern aus dem Panther Polierkörper-Set und einem Meister-Finish ausgedünnt. Ein Aufpassen war nicht notwendig gewesen

64 - 69 Nach Überprüfen der Okklusion gegen die noch in Wachs befindlichen Antagonisten konnte mit der Charakterisierung und Glasur begonnen werden. Für die Charakterisierung wurden Shade A und B im Verhältnis 1:1 gemischt und die Mischung in die Tiefe der Kaufläche gelegt. Die Teilkronen für die Zähne 34 und 44 wurden zervikal mit der Masse Shade A leicht angepasst, sodass sie der Zahnfarbe A2 entsprachen. Höckerspitzen und Leisten wurden mit einer Mischung aus Effect Vanilla und Effect 9 betont und mit einem Hauch Light Grey abgesetzt. Der Charakterisierung folgten zwei Glasurbrände

70 - 72 Während die Teilkronen der Oberkieferseitenzähne das gleiche Prozedere wie ihre antagonistischen Teilkronen durchliefen, wurden die Frontzahnkronen stattdessen in MT-A2 gepresst. Zunächst vollanatomisch, jedoch mit dem Ziel, diese vestibulär zu reduzieren, um Platz für eine individuelle Schichtung zu schaffen

73 - 76 Die vollanatomischen Frontzahnkronen wurden mit einem gezielten Cut-back reduziert. Ziel war es, Dentinkerne zu schaffen, die mit einer Schneideschichtung wieder komplett aufgebaut werden sollten. Für die erste Schichtung wurde zervikal Halstranspa 52 aufgelegt und der Dentinkern vereinzelt verlängert. Dadurch wird grundsätzlich ein zu harter Cut verhindert. Die Zahnformen wurden mit SI 02 komplettiert. Danach wurde mit einer Wechselschichtung aus SI 02, SI 04 und Schneide 58 fortgefahren. Die Leisten wurden mit SI 010 hervorgehoben. Zudem wurden die Inzisalkanten mit Opaltranspa aufgefüllt

77 - 79 Nach dem ersten Brand wurden die Oberflächen mit einem groben Diamanten abgezogen und unregelmäßige Vertiefungen in die Oberfläche geschliffen. Die stärkeren Vertiefungen wurden mit einer Trennscheibe definiert und nahmen für den zweiten Brand eine schmale Linie MI 61 auf. Die weniger starken Vertiefungen wurden mit Ultra-Clear aufgefüllt. Inzisal wurde mit Opaltranspa und Ultra-Clear verlängert, wobei Dentin A1 einen Halo-Effekt entstehen ließ. Die Leisten wurden mit SI 02 definiert. Der Rest der Zahnform konnte erneut mit einer Wechselschichtung geschaffen werden

80 - 82 Da die unteren Inzisiven nur eine minimale Oberflächenstruktur aufwiesen, wurde auch im Oberkiefer lediglich ein ganz dezentes Oberflächenrelief erarbeitet. Hierzu kamen diverse Schleifkörper zum Einsatz

83 - 87 Details der fertigen Wettbewerbsarbeit. Die Teilkronen für die Seitenzähne wurden monolithisch aus Initial LiSi Press hergestellt. Hierfür kamen, da im Prinzip nur Schmelz ersetzt werden musste, hochtransluzente Ingots zum Einsatz (HT-E 58). Diese wurden minimal farblich charakterisiert. Etwa die Tiefen der Kauflächen, die mit einer 1:1-Mischung aus Shade A und B akzentuiert wurden. Die Teilkronen für die ersten Prämolaren wurden zusätzlich zervikal mit der Masse Shade A behutsam an die geforderte Zahnfarbe A2 adaptiert. Die Höckerspitzen und Leisten wurden mit einer Mischung aus Effect Vanilla und Effect 9 sowie einem Hauch Light Grey abgesetzt

88 - 91 Kontrolle der dynamischen Okklusion. Zunächst die Latero-Protrusion, dann die Protrusion, dann bei maximaler Mundöffnung. Mit dem beschriebenen Protokoll konnten Restaurationen geschaffen werden, die dem Anspruch an störungsfreien und zugleich hochästhetischen Zahnersatz gerecht wurden

92 Ein ganz wichtiger Punkt: Zentrikkontrolle der ungesägten Kontrollmodelle im Artikulator. Hierfür wurden in der Ausschreibung auch die Split-Cast-Modelle gefordert, da sich mit ihnen kontrollieren lässt (bei herausgenommenem Magneten), ob der Splitcast sauber schließt

Die Materialauswahl

Bei der Auswahl des Materials und der Technik stellte sich die Frage, ob die keramische Rekonstruktion auf feuerfesten Stümpfen geschichtet oder mit Presstechnik hergestellt werden sollte.

Für das händische Schichten und Aufbrennen auf feuerfesten Stümpfen würde wohl der ästhetische Aspekt sprechen. Das freie Schichten verschiedenster keramischer Massen würde im Vergleich zu einer monolithischen Versorgung sicherlich lebendiger wirken.

Allerdings fiel die Entscheidung auf die Lithium-Disilikat-Presskeramik Initial LiSi Press. Und das aus vielerlei Hinsicht.

Zum einen kann bei der presstechnischen Umsetzung in Keramik eine ausgiebig geplante Rekonstruktion in Wachs vorausgehen. Das heißt, die statische und dynamische Okklusion sind von Anfang an planbar, was aus funktioneller Sicht von großem Vorteil ist. Ein weiterer Punkt, der für Presskeramik spricht, ist der, dass im posterioren Bereich ausschließlich Schmelz rekonstruiert werden musste. Eine monolithische Versorgung hat bei dieser Materialstärke und einer Biegefestigkeit von 450 MPa eine unübertroffene Haltbarkeit. Zur Rekonstruktion der Seitenzähne fiel die Wahl daher auf sehr transluzente Pressrohlinge, da mit diesen lediglich der Schmelzanteil wiederhergestellt werden musste.

Der anteriore Bereich wurde hingegen mit weniger transluzenten Press-Ingots restauriert, da der vestibuläre Bereich gezielt reduziert und mit Schichtkeramik individualisiert werden sollte. Dieses Vorgehen sorgt für ein lebendiges, ästhetisches Erscheinungsbild, während die Kontaktpunkte im palatinal unberührten, da eins zu eins in Presskeramik überführten Bereich erhalten bleiben.

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