Ästhetik

Rekonstruktion eines kariösen Oberkiefers mit 15 Keramikzähnen als motivierende und didaktisch wertvolle Übung

„Schön“ natürlich

Ein Beitrag von Larissa Merth

Themen:  Ästhetik, Keramik

Wenn es um die Bewertung einer zahntechnischen Rekonstruktion geht, dann lassen sich die hierfür verwendeten Adjektive auf die zwei gebräuchlichsten reduzieren: ästhetisch und natürlich. Es geht also darum, dass der Zahnersatz möglichst ästhetisch ist und natürlich erscheint, damit das Ergebnis als erfolgreich eingestuft werden kann. Die junge Zahntechnikerin Larissa Merth demonstriert mit diesem Beitrag eindringlich, dass eine Restauration nicht zwangsläufig ästhetisch sein muss, um natürlich zu erscheinen, und dass Schönheit wahrlich relativ ist.

01 - 03 Um mich in Punkto Form und Farbe einmal richtig austoben zu können und einmal Zähne außerhalb der A3-Norm rekonstruieren zu können, stellte ich mir folgende, ungewöhnliche Aufgabe: Die Rekonstruktion eines stark kariösen Oberkiefers

04 - 06 Indem ich versucht habe, die unterschiedlich starken Destruktionsgrade zu immitieren, war nicht nur die gesamte Palette an Malfarben und Effektmassen, sondern auch ein hohes Maß an handwerklichen Fähigkeiten sowie Kreativität gefordert

Viele Zahntechniker sehen sich als Künstler. Der Beruf kann auch als Kunsthandwerk gesehen werden, denn es gilt zahlreiche Techniken und Materialien auf das Höchste zu beherrschen. Und all das dient dazu, die Natur zu imitieren – eine Aufgabe dessen Vielfältigkeit nicht unterschiedlicher sein könnte und die den Beruf der Zahntechnik zu etwas ganz Besonderem macht.

Zahntechniker sollten jedoch keine Künstler mit einer überbordenden Fantasie sein, denn es gilt nichts zu erfinden oder hinzu zu dichten. Kreativität ist allerdings gefragt, denn es gilt etwas nachzuahmen, wofür es keine klaren Regeln gibt. Denn jeder Zahn ist immer ein klein wenig anders. Dennoch bekommen wir im Laboralltag leider nicht oft die Möglichkeit, unsere gesamte Kreativität auszuschöpfen – unser ganzes Können zu zeigen. In der Regel gilt es eine A3 zu reproduzieren und möglichst auf Verfärbungen, Schmelzrisse oder ausgebrochene Inzisalkanten zu verzichten.
Dass die Natur aber mehr ist als Stangenwahre, soll die nachfolgende Schauarbeit verdeutlichen. Mein Projekt – die Rekons­truktion eines kariösen Oberkiefers mit 15 Keramikzähnen – veranschaulicht dies in übertriebener Weise. Denn hier konnte ich die ganze Farbpalette ausschöpfen und die Formen ausreizen. Denn mal ehrlich, welcher Patient wünscht sich schon solche Kronen?
Um die gewünschten Farben und Formen kariöser Zähne zu erreichen, habe ich meiner Kreativität keine Grenzen gesetzt. Das Ergebnis ist in den Abbildungen 1 bis 14 dargestellt.

Die Basis der Zähne besteht aus einer dunklen Chromatix, in die ich unterschiedliche Modifier hineingearbeitet habe, um „Karieseffekte“ zu erzeugen. Dafür eignen sich auch gut Stain-Farben, die man mit den Modifiern mischt. Für intensivere Ergebnisse verwendete ich auch Pasten-Opaker und Modifier, die ich mit den Keramikmassen mischte.
Daraufhin folgte – wie auch bei normalen Keramikschichtungen üblich – die Komplettierung mit Schneidemassen.

07 - 09 Auch wenn „schön“ wahrlich etwas anderes ist, so ist es aus zahntechnischer Sicht doch schön zu sehen, was mit modernen Dentalkeramiken alles möglich ist. Die Basis der Zähne wurde mit dunklen Chromatix-Massen angelegt, in die ich unterschiedliche Modifier eingelegt habe. So ließen sich die unterschiedlichsten „Kariesdefekte“ simulieren. …

10 - 12 … Dennoch sind die „Zähne“ in ihrer Grundfarbe erhalten geblieben. Ein wirklich schwieriges Unterfangen, denn es gilt trotz aller kreativer Freiheiten dem Original treu zu bleiben. Aus diesem Grund wurden die Weißheitszähne, die bekanntlich als letzte Zähne bei der dentes permanentes durchbrechen, quasi „jungfreulich“ gestaltet

13 Ich kann jedem nur empfehlen, sich einmal ein ähnliches Vorhaben zum Ziel zu setzen. …

14 … Auch wenn derartige Arbeiten nicht unbedingt in die Vitrine im Empfangsbereich gehören, so lernt man bei der Anfertigung sehr viel

Wie wir sicher alle wissen, hat man nicht immer die Möglichkeit, den „perfekten“ Zahn anzufertigen. Daher sind es „Fälle“ oder besser Herausforderungen wie die hier dargestellten, mit denen wir über uns hinauswachsen und unsere Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Zudem lernt man viel über die Wirkung bestimmter Massen, Farben und Modifier. Die Zeit, die man für eine derartige Luxus-Herausforderung investiert, ist somit also gut angelegt.
Ich habe das Glück, einen Beruf ausgewählt zu haben, den ich täglich mit Leidenschaft ausüben kann.
Wenn sich dann noch zeigt, was wir mit den uns zur Verfügung stehenden Materialien, unserer Kreativität und unserem Können im Stande sind zu leisten, dann gibt das einem schon ein sehr, sehr gutes Gefühl. ■

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