Keramik

Im Gespräch mit Oliver Brix über das Streben nach Perfektion und andere Herausforderungen

Keramik ist das neue Gold

Ein Beitrag von Dan Krammer

Themen:  Keramik, Diverses

Oliver Brix. Wer kennt ihn nicht. Zahlreiche Kollegen haben bereits Kurse von ihm besucht, seine Bücher bewundert oder seinen Vorträgen gelauscht. Und dennoch kennen die meisten nur den perfekt funktionierenden Keramikspezialisten und Key Opinion Leader (KOL) und weniger den ganz normalen Zahntechniker Oliver Brix. Ein Oliver Brix, der eben auch einen recht normalen Laboralltag hat. Doch keine Sorge, dies wird kein Beitrag im Stile eines „Ein Tag mit Oliver Brix“-Blogs. Und dennoch ist dieses Interview im Verlauf eines sehr intensiven Tages entstanden. Dabei zeigte Oliver Brix Seiten an sich, die so vielleicht noch niemand kannte. Wir sprachen natürlich über Zahntechnik, aber auch über die Herausforderungen der Zukunft und Personen, die Oliver Brix maßgeblich geprägt haben und bis heute prägen.

Oliver Brix hat sich seinen Traum eines „Boutique-Labors“ verwirklicht: „Es ist eine Oase der Ruhe und Inspiration und so können wir unsere Kreativität abrufen und garantieren, dass wir das, was uns abverlangt wird, so auch umsetzen“

Lieber Herr Brix, Ihr Name ist fest mit hochwertiger und hochästhetischer Zahntechnik verbunden. Was motiviert einen herausragenden Zahntechniker wie Sie?

Oliver Brix: Die Bewertung, ob herausragend oder nicht, überlasse ich gern anderen. Aber die Motivation, nach Perfektion zu streben, die Motivation, das Maximum aus dem Beruf herauszuholen, ist natürlich eng damit verbunden, die Natur als Vorbild zu nutzen und sie zu kopieren. Wenn man dieses Streben hat, dann folgen die Leidenschaft, die Liebe zum Detail sowie die Analyse und Interpretation der Natur automatisch. Und das auch noch nach vielen, vielen Jahren in diesem Beruf. Das schafft eine Inspiration und auch eine Motivation, die einfach nicht abebbt. Ich glaube, das wird bei mir solange Bestand haben, solange ich diesen schönen Beruf ausübe. 


Viele verbinden Sie mit Vollkeramik. Worin sehen Sie die Stärken dieser Versorgungsform?

Brix: Die Vollkeramik ist, denke ich, die galanteste Form, naturidentischen Zahnersatz herzustellen und anzufertigen. Zum einen aufgrund der Bioverträglichkeit, zum anderen aufgrund der lichtoptischen Eigenschaften. Und natürlich auch aufgrund der Tatsache, dass man keinen Fremdkörper – wie etwa Metall – im Mund hat. Ich persönlich lebe diese metallfreie Versorgungsform seit nunmehr 14 Jahren. Das war am Anfang sicherlich nicht einfach, weil ich gegen viele Barrieren angelaufen bin. Mittlerweile hat sich der vollkeramische Ansatz etabliert und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es keinen Grund mehr gibt, Metalle einzusetzen – zumindest nicht im festsitzenden Bereich. Die Vollkeramik ist ganz klar meine Leidenschaft, die ausgeprägter ist denn je. Dies suggeriert ja auch der Titel meines zweiten Buches: „Faszination Vollkeramik“.

Was waren das für Barrieren, von denen Sie eben sprachen?

Brix: Barrieren in der Form, dass natürlich am Anfang viele Behandler gesagt haben: „Ach nein, das ist mir zu heikel, da gibt‘s noch keine Langzeiterfahrung, keine Langzeitstudien; Metallkeramik mache ich seit 30 Jahren, da weiß ich, wie es geht und muss beim Einsetzen nicht nachdenken. Ich kann es konventionell einsetzen.“

Doch nun hat man auf einmal das Verständnis für adhäsives Befestigen, man hat das Verständnis für minimalinvasives Vorgehen und da ist die Vollkeramik zuhause. Auf einmal ist die Technik angekommen, aber vor zwölf Jahren war das ein Unding. Das war wirklich ein Kampf à la Don Quichotte gegen die Windmühlen. Ich habe mich aber nicht beirren lassen, denn für mich war klar: Es gibt nur eine Richtung, und das ist Vollkeramik – und nie wieder zurück. 

„Ohne Fotografie ist heute, denke ich, überhaupt kein Patientenfall mehr zu starten. Das hat sich meines Erachtens mittlerweile auch weltweit etabliert. Und es bereitet einen riesen Spaß, Informationen über die Fotografie zu sammeln“ 

Marie Witt und Oliver Brix diskutieren jeden Fall ausgiebig. Die konsequente und lückenlose Planung ist laut Oliver Brix – dies kann Marie Witt aufgrund ihrer im Verlauf der Zusammenarbeit gesammelten Erfahrungen unterstreichen – der Schlüssel zum Erfolg

Gab es dieses Jahr auf der IDS etwas, das Sie sich näher angesehen haben?

Brix: Meine Partnerin Marie Witt und ich wurden auf der IDS sicherlich durch die Innovationen im Bereich der digitalen Technologien inspiriert. Allerdings hatte ich persönlich zum ersten Mal das Gefühl, mich dort ein bisschen fremd zu fühlen. Denn hinter jeder Ecke wurde irgendetwas gedruckt, irgendetwas wurde gefräst, irgendetwas hat sich bewegt. Es war relativ wenig analoge Inspiration zu finden. Bei dem einen oder anderen Stand nach wie vor, aber eben nicht mehr so wie die Jahre zuvor. Das heißt, man konnte eindeutig erkennen, dass das digitale Zeitalter nicht nur angebrochen ist, sondern Vollgas läuft. Wir haben uns natürlich angeschaut, wo die Reise hingeht. Wir haben uns die Frage gestellt, was wir eventuell in unserem Alltag digital noch mehr nutzen könnten. Doch im Grunde genommen interessieren uns hierbei nicht komplett neue Geschichten, sondern einfach nur Verbesserungen dessen, was es bereits auf dem digitalen Markt gibt. Diesbezüglich muss ich sagen, dass sich sehr viel getan hat. Gerade auch, was die Blanks angeht oder was die Schleifstrategien betrifft ... also ich bin mal gespannt, wo für uns die Reise hingeht.

Oliver Brix goes CAD/CAM ... ?

Brix: Ja, sagen wir es mal so: Wir sind, ich will nicht sagen mit einem Fuß, aber mit ein paar Fußzehen natürlich schon drin. Gerade die Verarbeitung von Zirkonoxid ist ohne CAD/CAM nicht möglich. Wachsfräsen – ein tolles Tool, um Patientenfälle effizient anzugehen; nicht bei jedem Fall, aber es gibt Fälle, wo man vielleicht doch dazu geneigt ist, das zu tun. Implantatversorgungen wären ohne CAD/CAM auf diesem Niveau gar nicht denkbar. Und natürlich Provisorien, eine Sache, die uns riesig am Herzen liegt. Denn gefräste Provisorien sind gegenüber der althergebrachten Technik eine wahre Wohltat. Es war nie ein Vergnügen, Provisorien zu stopfen oder Manuelles herzustellen. Das lässt sich natürlich heute wesentlich charmanter lösen. Das heißt, wir haben einen Scanner, aber wir sind noch nicht so weit, dass wir uns eine eigene Fertigungsmaschine ins Haus holen. Das ist wirklich noch Zukunftsmusik. 

Das Labor von Oliver Brix ist mit modernen Medien ausgestattet, sodass die zu planenden Fälle analysiert und besprochen werden können. Hierbei kommen auch klassische Analysebögen zum Einsatz, auf denen alle relevanten Punkte vermerkt werden

Vom digitalen, also eher etwas „entmenschlichten“ Thema können wir jetzt ganz gut zu Ihrer Zusammenarbeit mit hervorragenden Zahnärzten, beispielsweise Prof. Dr. Daniel Edelhoff oder Dr. Sergey Chikunov überleiten ... Wie gestaltet sich eine solche Zusammenarbeit?

Brix: Also gerade bei diesen beiden Kooperationspartnern muss ich hinzufügen, dass sie nicht gerade aus unserer Nachbarschaft stammen. Sergey Chikunov befindet sich in Moskau, Daniel Edelhoff in München. Die Zusammenarbeit ist daher insofern ein bisschen schwierig, weil wir die Patienten nicht sehen. Das heißt, alles läuft nur über Distanz und nur über indirekte Kommunikation. Über die letzten Jahre hat sich allerdings eine Kooperation etabliert, bei der jeder genau weiß, was er zu tun hat, und vor allem auch, an welcher Stelle er was zu tun hat. Das ist der Garant dafür, dass der Zahnersatz ohne viele Anproben, ehrlich gesagt ganz ohne Anproben, hergestellt und direkt eingegliedert wird. Das geht natürlich nicht bei einzelnen Frontzähnen, das ist nicht machbar. Aber bei allem, was mehr als zwei Einheiten hat, können wir dieses Spiel über Distanz betreiben, was wir auch seit vielen, vielen Jahren sehr erfolgreich tun. Das ist, denke ich, der Schlüssel zum Erfolg. Und wie ich es bereits habe anklingen lassen oder auch gern in meinen Vorträgen sage: Bevor die Arbeit das Labor verlässt, führen wir gedanklich einen Flight Check durch, das heißt, wir gehen alle Punkte noch einmal durch, sodass eben nicht ein fehlender Kontaktpunkt oder Dreck in der Krone dafür sorgen, dass die Restauration nicht einsetzbar ist. Das erfordert Disziplin. Ich denke, das ist auch der Knackpunkt. Bei allen anderen Patienten oder Zahnärzten, mit denen wir im Umkreis zusammenarbeiten, haben wir den Vorteil, dass sie hier sind und wir sie mehrfach sehen. 

Wir sitzen jetzt hier in neuen, sehr schönen Laborräumen in Bad Homburg. Was hat Sie dazu bewogen, von Wiesbaden nach Bad Homburg zu gehen und hier ein neues Labor aufzumachen? 

Brix: Leider ein Trauerfall. Mein hochgeschätzter Mentor und väterlicher Freund Hans Stirn ist leider verstorben. Daher sah ich es nicht mehr als notwendig an, in Wiesbaden zu bleiben. Mich hat es dann doch wieder zurückgezogen zu meinen Wurzeln der Kindheit und Jugend, nämlich nach Bad Homburg. In dieser Stadt bin ich mehr oder minder aufgewachsen. Ich habe das Kleine, Beschauliche gesucht. Die Stadt hat einen wunderschönen Kurpark, sehr viele alte Gebäude und Villen. Und in einer dieser Villen habe ich dann just Laborräume gefunden und diese dann entsprechend mit Interieur gefüllt und meinen Traum eines „Boutique-Labors“ realisiert. Es ist eine Oase der Ruhe und Inspiration und so können wir unsere Kreativität abrufen und garantieren, dass wir das, was uns abverlangt wird, so auch umsetzen. Ich habe also die Gelegenheit beim Schopf gepackt und ein Labor nach meinen Wünschen und Vorstellungen kreiert. Wenn wir die Tür aufschließen, haben wir selbst nach den fünf Jahren, die wir jetzt hier sind, das Gefühl, wir betreten unser Reich, in dem wir und unsere Patienten sich wohlfühlen.

Oliver Brix goes CAD/CAM: Zur Laborausstattung zählt auch ein Laborscanner samt dazugehöriger Software. Diese Komponenten sichern die Schnittstelle zu CAD/CAM-gestützten Fertigungstechnologien, die im Moment noch bei Dienstleistern zugekauft werden

Was ist noch neu im Leben von Oliver Brix?

Brix: Nun, ich bin ja als Einzelkämpfer gestartet und arbeite nun mit Marie Witt zusammen. Durch die Partnerschaft teile ich diesen Beruf mit einem mir lieb gewonnenen Menschen. Insofern, dass wir auch Aufgaben teilen können. Das heißt, ich bin nicht mehr allein für alles verantwortlich. Jeder hat im Moment seinen Schwerpunkt, jeder hat sein Tätigkeitsspektrum. Wir ziehen natürlich an einem Strang, aber jeder geht auch ein Stück weit seinen eigenen Weg, arbeitet autark. Das gibt mir natürlich auch mehr Freiraum, mich anderen Dingen und Projekten zu widmen, ein bisschen mehr mit Materialien zu forschen, mich ein bisschen mehr in den Bereich Beratung, Planung, Anamnese, Analyse hineinzubewegen. Aber natürlich auch, den privaten Dingen zu frönen, die ich für mich entdeckt habe. Das heißt, ein bisschen weniger zu arbeiten, also wie man so schön sagt, die Life-Work-Balance zu optimieren. Das ist mir dank Marie gelungen. Ich habe mit Tennisspielen angefangen, ich habe angefangen, mich ein bisschen mehr auszuruhen, ein bisschen mehr zu lesen, also mir einfach die Zeit zu nehmen, die Batterien wieder aufzuladen. Das ist sicherlich neu. Jeder, der mich kennt, weiß, dass das all die Jahre zuvor undenkbar gewesen wäre, da gab es nur eine Geschwindigkeit für mich und das war Superschall. Das hat sich sicherlich ein Stück relativiert. Und ich denke, das ist ein sehr schöner Nebeneffekt, wenn man älter wird.

Also kann man daraus ableiten, dass Marie Witt, die ja auch Ihre Lebensgefährtin ist und gleichberechtigt im Labor mitarbeitet, ebenfalls einen so guten Job macht, dass Sie sich beruhigt etwas zurücknehmen können?

Brix: Absolut. Für mich ist ein Wunsch in Erfüllung gegangen, den ich so nie zu träumen gewagt hätte. Mit Marie habe ich einen Menschen an der Seite, dem ich – egal an welcher Stelle ich eine von mir begonnene Restauration unterbreche – meine Arbeit weitergeben kann und Marie stellt sie dann fertig. Das war immer ein großer Wunschtraum und das funktioniert tatsächlich. Wir ergänzen uns hier hervorragend. Ich stelle manchmal ihre Arbeiten fertig und sie meine Arbeiten, wenn es erforderlich ist. Ansonsten stellt natürlich jeder seine Arbeiten von A bis Z fertig. In Extremsituationen oder wenn es meine Reisetätigkeit erfordert, kann ich jedoch jederzeit sagen: „OK, stopp, Marie, übernimm Du das bitte“ – und sie beendet die Arbeit dann für mich. Das bringt natürlich eine immense Ruhe in den Arbeitsalltag. Denn ich muss nicht mehr mit der Uhr im Nacken gegen die Zeit kämpfen, so wie das früher all die Jahre der Fall war. Marie ist sehr talentiert und ich denke, dass man in Zukunft noch mehr von ihr hören und hoffentlich auch lesen wird.

Zu zweit ist man weniger allein. Mit Marie Witt hat Oliver Brix nicht nur eine Lebenspartnerin, sondern auch eine sehr talentierte Kollegin gewonnen. Gemeinsam lernen sie voneinander und inspirieren sich gegenseitig. So bereitet Arbeiten Freude

Herr Brix, sind Sie denn noch viel unterwegs auf den dentalen Bühnen dieser Welt?

Brix: Ich bin nach wie vor ungebremst in der ganzen Welt unterwegs. Das sind so 100 bis 120 Tage Vortragszeit im Jahr. Und das Ganze weltweit. Und da ist auch noch kein Ende in Sicht. Das ist nach wie vor meine Berufung und eine Aufgabe, die ich sehr ernst nehme und der ich mich wahnsinnig gern stelle.

Gibt es weitere Änderungen und Herausforderungen, mit denen Sie sich konfrontiert sehen?

Brix: Ja, definitiv. Die Zahnmedizin im Allgemeinen hat sich in den letzten Jahren massiv verändert, nicht zuletzt durch den Einzug des digitalen Workflows. Prozessketten sind heute anders, als sie das noch vor ein paar Jahren waren. Wir ertappen uns immer mehr dabei, dass wir viel mehr als Berater fungieren. Als Berater, die dem Zahnarzt bei der Wahl der Technik, bei der Wahl des Materials, eventuell aber auch bei funktionellen Problemen zur Seite stehen. Unser Know-how wird bewusst angefragt. Also müssen wir dieses auch konkret liefern können. Gegenüber früher, als man eigentlich doch mehr hinter dem Technikertisch gesessen und manuell etwas hergestellt hat, besteht heute ein Großteil der Tätigkeit aus Planung und vorausschauenden Analysen. Letztendlich müssen wir Zahntechniker –  im Schulterschluss mit der Industrie – eben auch Lösungen für den zahnärztlichen Partner finden. Das bringt ein ganz anderes Aufgabengebiet mit sich. 
Und hinzu kommt natürlich etwas, was ich nicht unbedingt als Arbeit bezeichne, sondern vielmehr als Hobby – die Fotografie. Ohne Fotografie ist heute, denke ich, überhaupt kein Patientenfall mehr zu starten. Das hat sich meines Erachtens mittlerweile auch weltweit etabliert. Und es bereitet einen riesen Spaß, Informationen über die Fotografie zu sammeln. Das kann man natürlich mit einem iPhone 7 machen, man kann es aber auch professionell betreiben. Man schnuppert quasi parallel zur Zahntechnik in den faszinierenden Beruf des Fotografen rein.

Vollkeramische Versorgung der Zähne 15 bis 25. Die Vollkeramikkronen für die Zähne 14, 15, 24 und 25 wurden vollanatomisch aus IPS e.max Press Multi-Rohlingen gefertigt. Zur Versorgung der Zähne 13 bis 23 wurden reduzierte IPS e.max Press-Gerüste (MO 0) mit IPS e.max Ceram verblendet

Ein anderer, perfekt gelöster Fall von Oliver Brix. Hierbei handelt es sich um eine dreigliedrige, Zirkonoxid-basierte Vollkeramikbrücke von 12 auf 21. Der Zahn 22 wurde mit einem Veneer versorgt. Bei Zahn 11 handelt es sich um das Brückenglied

Dieser Fall wurde von Marie Witt gelöst. Bei den drei Frontzahnkronen für die Zähne 12 bis 21 handelt es sich um Vollkeramikkronen (keramisch verblendete IPS e.max Press-Gerüste). Der verfärbte Stumpf wurde mittels „Doppelkronentechnik“ kaschiert

Von vielen Zahntechnikern hört man Sätze wie: „Ich habe keine Zeit, das alles zu fotografieren und dann habe ich so viele Fotos …“ Denken Sie, dass hierfür nicht einfach auch Disziplin notwendig ist?

Brix: Es gibt den schönen Satz: „Der Augenblick ist vergänglich“. Und genauso ist es auch, wenn man einen Patienten nur einmal visuell wahrnimmt. Auch wenn man Notizen anfertigt oder die schönsten Bildchen malt. Dieser Augenblick mit dem Patienten wird dann vorüber sein, wenn der Patient zur Tür hinausgeht. Wenn man nicht fotografiert hat, dann ist dieser Augenblick dahin. Das heißt, ich muss aus meiner Erinne­rung Bilder abrufen, denen ich per se nicht trauen kann. Wenn ich nicht fotografiere, beraube ich mich also der Möglichkeit, mich selbst zu hinterfragen und mich auch selbst zu kontrollieren. Und das ist, denke ich, fatal. Das rächt sich.

Fatal ist ein gutes Stichwort. Es ärgert Sie, wenn ...

Brix: ... Menschen generell nicht das tun, was sie tun sollten. Wenn sie sich gerade im Berufsleben einfach nicht professionell verhalten, das ärgert mich.

Wenn Sie sich etwas für Ihre Branche wünschen könnten oder dürften, dann wäre das was?

Brix: Mehr Verständnis und vor allem mehr Wahrnehmung dessen, was wir Zahntechniker in unserem Beruf bewirken können. Seitens des Patienten, aber auch sehr häufig seitens des Zahnarztes. Wir bewegen uns heute auf Augenhöhe. Es ist wichtig, dass das auch so wahrgenommen wird, denn es gibt hier keinen Standesdünkel und auch keine künstlich hochgezogene Klassifizierung. Jeder ist in seinem Beruf Profi. Und nur die Synergie bewirkt, dass man Hochleistungen erzielt. Ohne die ist es nicht möglich.

Auch dieser Fall wurde von Marie Witt gelöst. Hier wurden die Zähne 11 und 21 mit vollkeramischen Teilkronen versorgt.

Die beiden Teilkronen wurden direkt auf feuerfesten Stümpfen geschichtet und gebrannt

Zahntechnik ist also mehr als nur ­Technik?

Brix: Ja, auf jeden Fall. Und das ist ja das Schöne an unserem Beruf. Wenn man mal zusammenfasst, was dieser Beruf alles beinhaltet, dann kommen wir auf Marketing, Computertechnologie, Fotografie, Farbenlehre, Physik, selbstverständlich manuelle Fähigkeiten, aber auch das Bewusstsein, dass wir es mit einem menschlichen Körper zu tun haben, der anders als ein starres Gerät funktioniert. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir es mit diversen Menschen zu tun haben, seien es Spezialisten oder Patienten. Wenn man das alles einmal runterbricht, dann ist Zahntechnik viel, viel mehr. Das ist – ich will nicht sagen, ein Lebensgefühl, das wäre vielleicht ein bisschen arg pathetisch –, aber auf jeden Fall eine Philosophie.

Vor kurzem habe ich im Rahmen eines Kurses eine Abstimmung miterlebt, bei der die Teilnehmer gefragt wurden, wer denn ihr Wunsch-Kursreferent sei. Und ohne Diskussion wurde sofort Ihr Name genannt. Können Sie sich erklären, warum Ihre Kurse so gut ankommen?

Brix: Man hat sicherlich einen Verdacht und es freut einen ungemein, so etwas zu hören. Im Detail kann ich die Frage natürlich nicht objektiv beantworten, möchte aber behaupten, dass es zum Großteil daran liegt, dass ich ehrlich und authentisch bin und für alle meine Kurse einen Lehrcharakter beanspruche. Das heißt, ich ziehe keine Show ab, sondern vermittle den Leuten etwas, was sie im Alltag weiterbringt und was ihnen im Alltag dabei hilft, Probleme besser anzugehen. Und das, was ich in den Kursen zeige, ist eins zu eins das, was ich auch im Labor den lieben langen Tag praktiziere. Aber hierzu werden wir die Frage noch einmal an meine Partnerin Marie Witt weitergeben, die sicherlich aus ihrer Sicht sagen kann, wie sie das sieht oder erlebt hat. Sie war, bevor sie privat und auch beruflich meine Partnerin wurde, eine Kursteilnehmerin von mir. Das war eine ganz lustige Geschichte, die darin gefruchtet hat, dass wir jetzt zu zweit in Bad Homburg sind.

Dies ist derselbe Fall wie auf der linken Seite. Aus der Vergrößerung wird deutlich, dass sich mit volkeramischem Zahnersatz die Natur sehr gut kopieren lässt

Frau Witt, was zeichnet denn einen Kurs von Oliver Brix aus?

Marie Witt: Da ich ja einen Kurs bei Oliver besucht habe, kann ich das wahrscheinlich auch am besten beantworten. Er hat damals viel aus seinem Alltag berichtet, wobei ich mich immer gefragt habe, ob es sein kann, dass es keine Einproben gibt. Oliver meinte, es wird definitiv eingesetzt, also gibt es nur zwei Termine. In der ersten Sitzung die Präparation und Abformung sowie das Mock-up und in der zweiten wird eingesetzt. Oliver beharrte jedoch darauf, dass diesem Ablauf eine Planung mit Mock-up vorausgehen muss. Ich kam ja dann in den Genuss, mit ihm zusammenzuarbeiten und ich war völlig perplex, als ich erleben durfte, dass es stimmt, was er im Kurs berichtet hatte. Er ist so gut durchgetaktet, er plant alles in einer Konsequenz durch, das beeindruckt mich sehr. Es ist wirklich eins zu eins so, wie er es in seinen Kursen erzählt und zeigt.

Also Oliver Brix lebt den Perfektionismus und hat das auch so im Kurs vermittelt … ?

Witt: Er vermittelt es in Kursen, ja. Und was mir persönlich sehr gut gefallen hat, dass er in den Kursen auf einen eingeht. Zudem ist die eigene Kritikfähigkeit des Kursteilnehmers gefragt, denn Oliver beschönigt nichts, wenn mal was nicht passt. Er sagt einem vielmehr ganz konkret, wie man es besser machen kann. Er gibt Tricks und Kniffe, die man, wenn man es will und zulässt, im Alltag eins zu eins umsetzen kann. Es hat mir sehr gut gefallen, wie er lehrt und wie er Dinge erklärt.

Jetzt sind Sie, Frau Witt, der lebende Beweis dafür, dass es funktioniert. Denn Sie sitzen heute hier, sind im Labor von Herrn Brix und arbeiten wohl genauso, wie es auch vermittelt wurde. Das heißt, die Lehre ist übergesprungen, wurde angenommen und wird umgesetzt. Das ist natürlich beeindruckend.

Witt: Definitiv. Es hat gefruchtet, was er gezeigt hat. Doch das Schöne ist, dass er einem immer die Freiheit lässt, die eigene Kreativität und den eigenen Stil selbst zu finden. Er lehrt sehr gut und gibt einem sehr viel mit auf den Weg. Und dann beschreitet man den eigenen Weg, um diesem Perfektionismus nacheifern zu können.

Vielleicht auch umgekehrtes Lernen oder Lehren? Kann man sagen, dass auch immer vom Lernenden etwas zurückgegeben wird?

Brix: Definitiv. Das ist ein Geben und Nehmen, weil ich logischerweise immer schaue, wie ihre Sichtweise ist. Und sehr, sehr oft ertappe ich mich auch dabei, dass ich bei ihr abschaue und sage: Cooles Ding, das mache ich jetzt auch so. Würde es natürlich nie zugeben (lacht).

Lieber Herr Brix, liebe Frau Witt, vielen Dank für die aufschlussreichen Antworten und diesen wunderbaren Tag.

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